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Heimweh an Heiligabend

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Teamwork: Odile Omam, Mermoz Djimafo, Kevin Noukam und Linda Mbangzieu (von links).
Teamwork: Odile Omam, Mermoz Djimafo, Kevin Noukam und Linda Mbangzieu (von links). © Dennis Möbus

Studenten der Hochschule Rhein-Main aus Kamerun lassen sich ihre Lebensfreude nicht nehmen, auch wenn sie an Weihnachten das Heimweh plagt.

Mermoz Youmsi Djimafo ist dankbar, in Deutschland studieren zu dürfen. Zugleich tut die Seele weh: Der Maschinenbaustudent von der Hochschule Rhein-Main in Rüsselsheim und seine Kommilitonen aus Kamerun verbringen ein Weihnachtsfest in der Fremde. Heißt der Fluss, dessen Promenade zu beschaulichen Spaziergängen einlädt, Rhein oder Main? Ähnlicher Wortklang, schwierige Entscheidung: Maschinenbaustudent Mermoz Youmsi Djimafo (23) und seine Kommilitonen zögern mit entschuldigendem Lächeln.

Die zwölfköpfige Gruppe junger Studenten aus Kamerun lebt zwischen zwei und sechs Jahren in Rüsselsheim, ihre deutschen Sprachkenntnisse sind beachtenswert gut. Doch ihrem Leben in der Opelstadt haftet noch immer der Geschmack der Fremde an. Sie bleiben über Weihnachten in Deutschland. Kamerun, die Republik in Zentralafrika, wo es jetzt 27 Grad warm ist und Zypressen fürs Fest geschmückt werden, ist 5000 Kilometer entfernt. „Es ist zu teuer, nach Hause zu fliegen. Ich skype“, sagt Mermoz Youmsi Djimafo.

Das Videotelefon ersetzt freilich nicht die Begegnung, vier Jahre hat er die Familie nicht getroffen. Als jetzt im Radio Schneefall in Deutschlands Höhenlagen prognostiziert wird, merkt Djimafo an: „Es schneit niemals in Kamerun.“ Er lächelt, doch sein Lächeln erreicht die tiefbraunen Augen nicht.

Wehmut zeitigt Schweigepausen

Gemeinsam mit seinen Kommilitonen rollt er behände Pizzateig aus, schneidet Gemüse. In der Luthergemeinde kommen die Studenten regelmäßig zu Montagtreffs zusammen. Hilde Hasch, Seelsorgerin der katholischen Hochschulgemeinde an der Fachhochschule (FH), begleitet die Gruppe, schiebt jetzt die Pizzen in den Ofen: „Hm, riecht köstlich.“ Djimafo merkt an: „Zuhause gibt es häufig Kochbanane oder Bohnen, Hackfleischbällchen und Reis, auch Crêpes aus Hefeteig.“ So locker das Treffen wirkt, Wehmut zeitigt Schweigepausen. „Ich denke, das ist der Preis der Erfahrung“, meint Mermoz Youmsi Djimafo.

Er will nicht klagen. „Man sollte nicht nur von dem sprechen, was man vermisst. Es ist für uns und unsere Familien, die uns sehr unterstützen, ein Privileg, dass wir hier unser Diplom machen können. Natürlich gibt es auch Hochschulen in Kamerun, doch Demokratie existiert vor allem auf dem Papier. Man braucht Vitamin B, um voranzukommen“ – will sagen: man braucht Beziehungen.

Kamerun, wo annähernd 70 Prozent Christen leben, hat mehr als 25 Prozent Analphabeten, wiewohl die Einschulungsquote 79 Prozent beträgt. Bei 52 Jahren liegt die Lebenserwartung. Soziale Gerechtigkeit ist nicht Alltag, Armut hingegen für viele schon. All dies ist beim Pizzabackabend latent gegenwärtig, macht die Hoffnung der Studenten auf ein besseres Leben begreiflich.

Vertrauen entsteht im Tun

Hilde Hasch, die Seelsorgerin, forciert keine tiefschürfenden Gespräche, sagt: „Vertrauen entsteht im Tun.“ Doch als die Pizza verteilt und der erste Appetit gestillt ist, meint Djimafo: „Um hier zu studieren, geht man über seelische Grenzen. Hätte ich gewusst, wie es sich anfühlt, ich hätte zweimal nachgedacht, diesen Weg zu gehen.“ Zugleich betont er seine Dankbarkeit, hier lernen zu dürfen.

Linda Mbangzieu (28) ist Elektrotechnikerin und will noch Berufserfahrung sammeln, bevor sie in die Heimat zurückkehrt. „Sonst nutzt das Studium nichts. Im Januar fliege ich aber erst mal nach Hause. Ich muss einfach heim.“ Wie die meisten Studenten lebt sie in einer Wohngemeinschaft, Geld ist knapp. Kevin Noukam Tiangueu (22) hat einen Bruder, der ebenfalls hier studiert, sowie einen Onkel in Mainz. „Das lindert die Einsamkeit“, sagt er.

Odile Omam (32) studiert Ernährungswissenschaft, will später in Kamerun im Gesundheitsdienst arbeiten. Ihr Sohn Bryan (2) wuselt putzmunter zwischen den Pizzaessern herum. Odile Omam sagt: „Ich bin in Deutschland zu der Frau geworden, die ich heute bin. Und mein Sohn ist echter Rüsselsheimer.“

Doch was ihr fehle, sei das „Wow“, eine Lebensfreude, die den Deutschen abgehe: „Ich bewundere aber ihre Disziplin.“ Mermoz Djimafo sagt: „Ich schätze, 60 Prozent Deutsche sind nicht ausländerfeindlich.“ Von Erfahrungen mit den anderen 40 Prozent schweigt er. Weihnachten wollen die Studenten feiern, wie es in der Heimat üblich ist. „Deutsche Weihnacht ist ernst, wir aber singen, trommeln, tanzen“, sagt Odile Omam. (lot)

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