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Der Hass nach den Schüssen

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Der Ort, an dem damals die zwei American Staffordshire-Terrier erschossen wurden.
Der Ort, an dem damals die zwei American Staffordshire-Terrier erschossen wurden. © Jens Etzelsberger

Zwei Kampfhunde sterben durch die Hand von Polizisten. Bürger schreien "Mörder". Einer der Polizisten spricht jetzt mit der FR über seine Erlebnisse und Gefühle.

Die Lage wird immer brenzliger. Mehr und mehr Passanten stehen am Absperrband auf dem Friedensplatz in Rüsselsheim; die Hunde werden immer nervöser, seit sie den ihnen bekannten Mann angegriffen haben, der versucht hatte, sie einzufangen. Nun liegt der Mann auf der Rückbank eines Streifenwagens, blutet aus Bisswunden. Der Krankenwagen steht nah, doch die Sanitäter können nicht helfen – die Hunde sind dazwischen. Und die Halter der beiden American Staffordshire-Terrier kommen und kommen nicht.

Hauptkommissar Andreas W. trifft eine Entscheidung. Als er aus dem Streifenwagen aussteigt, mit der Dienstwaffe in der Hand, springt der dunkle Hund direkt auf ihn zu. Hauptkommissar Andreas W. schießt. Doch er erwischt das Tier nur am Vorderlauf. Kimbo jault laut auf. W.s Kollege kommt dazu, macht dem Leid mit seiner Waffe ein Ende, erschießt kurz darauf auch den anderen Hund.

Video im Internet

Es ist nur kurz still. „Dann kamen die ersten Mörder-Rufe“, erinnert sich Andreas W. Keine Stunde später schwappt ein Video wie eine Welle durch das Internet: der Moment, in dem W. Kimbo anschießt. „Das hat alles verändert“, sagt W. So viel Hass und Beschimpfung hat die südhessische Polizei noch nie erlebt. „Im Minutentakt haben Leute aus der ganzen Republik angerufen“, sagt W.s Vorgesetzter. 80 E-Mails erreichen die Dienststelle in Rüsselsheim allein am ersten Tag. „Mörder“, „Ihr würdet auch spielende Kinder töten“, „Man sollte euch steinigen“ – als Andreas W. in den sozialen Netzwerken nachschaut, ist er schockiert.

Es komme häufiger vor, dass Menschen, die mit der Polizei in Konflikt geraten, die Beamten selbst angehen, auch gerichtlich. „Aber dass aus der Anonymität heraus ein derartiger Aufstand ausbricht, das war uns neu“, berichtet der Dienstgruppenleiter. Schnell kursieren die Namen der beiden Schützen. Familienvater W. arbeitet seit Jahren in Rüsselsheim, er ist bekannt. Er mag das – eigentlich. Aber plötzlich ist er eine Zielscheibe. Als die Kritiker des Einsatzes Gegendemonstrationen organisieren, die direkt an der Polizeistation vorbeiführen, steht W. in seinem Büro am Fenster und schaut auf den Zug der wütenden Masse. Er hört, wie sie „Komm raus, du Feigling!“ skandieren. Nein, keinen Tag habe er überlegt, seinen Job an den Nagel zu hängen. W. ist groß, ruhig, besonnen. Er wollte Polizist werden, seit er ein Junge war.

Am Morgen des 23. September hört er über Funk, wie die Lage auf dem Friedensplatz entgleitet. Um 7.40 Uhr geht es los. Kollegen bitten um Unterstützung. „Da fahre ich doch nicht einfach weiter“, sagt W. Als er mit seinem jüngeren Kollegen ankommt, weht schon das Flatterband, der Onkel eines der beiden Hundehalter liegt blutend im Polizeiauto. „Der Friedensplatz füllte sich weiter mit Schülern“, beschreibt W. Er wägt alle Möglichkeiten ab und kommt auch ein halbes Jahr nach dem Einsatz zum gleichen Ergebnis: „Ich kann mit Vielem leben, aber nicht, wenn die Tiere ein Kind oder einen Passanten angreifen.“ Er habe Respekt vor jedem Lebewesen, „aber für mich geht der Mensch vor“.

Sein Vorgesetzter vertraut ihm. Schussfreigabe. „Das war wirklich ein unschönes Gefühl auszusteigen“, sagt W. Dass er Kimbo nicht sofort richtig trifft, beschäftigt ihn. „Das tut mir wirklich leid, aber man schafft es nicht immer, ein Tier so zu treffen, dass es gleich tot umfällt.“ Am Tag des Einsatzes hatte er nicht viel Zeit zum Grübeln.

Zehn Minuten nach den Schüssen sei der erste Halter am Tatort gewesen, „sehr aggressiv“, kurz darauf der zweite. Später wird sich zeigen, dass die Hunde einen Wesenstest hatten. Doch gegen den Stress hatten Kimbo und Tays in dem Moment keine Chance. Es habe durchaus auch positive Reaktionen gegeben, wohlwollende Zustimmung. Aber eben auch den ungefilterten Hass.

W.‘s Vorgesetzter S. sagt, dass hoffentlich bald die Body-Cam für Polizisten komme, eine Kamera am Körper der Beamten: „Damit auch unsere Sicht der Dinge künftig dokumentiert ist.“ Daran ist Andreas W. gelegen. Deshalb spricht er nun öffentlich, um zu zeigen: „In den Uniformen stecken Menschen.“ (loc)

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