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Ein bisschen Urlaubsfeeling fast vor der Haustür: Naherholungsgebiet Kühkopf.

Neuer Kühkopf-Lehrpfad

Mit dem Handy die Natur erkunden

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Spannend: Ein neuer Lehrpfad verbindet Technik und Natur in Hessens größtem Schutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue.

Wer künftig einen Ausflug in Hessens größtes Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue plant, sollte auf jeden Fall sein Handy dabei haben. Aber nicht um einen Notruf aus der teilweise urwaldartigen Auenlandschaft absetzen zu können, sondern um die interaktiven Informationen an den 14 Stelen des neuen Naturlehrpfades per QR-Code abrufen zu können.

Nötig dafür ist eine App, die man sich herunterladen muss. Ein guter Platz dafür ist – wenn man es nicht schon zu Hause gemacht hat – der ausgewiesene Ladebereich am Hofgut Guntershausen, denn der Netzempfang ist auf der Halbinsel am Altrhein bei Stockstadt und Riedstadt (Kreis Groß-Gerau) nicht überall gut. 

Dauerausstellungen in ehemaligen Ställen 

Ein Besuch des Hofguts hat einen weiteren Vorteil: Dessen ehemalige Stallungen beheimaten das Umweltbildungszentrum Schatzinsel Kühkopf: Wo früher Schweine und Kühe gehalten wurden, vermitteln heute Dauerausstellungen verschiedene ökologische und historische Themen rund um das 24 Quadratkilometer große Naturreservat.

Mit der jetzigen Eröffnung des zwei Kilometer langen interaktiven Auen-Erlebnispfades „Lebendige Inselwelt – Draußen im Fluss“ findet der seit zehn Jahren laufende Aufbau des Umweltbildungsprojekts am Kühkopf seinen vorläufigen Abschluss. 4,3 Millionen Euro haben sich dies das Land Hessen und Sponsoren bereits kosten lassen. Die Idee dahinter: „Erklären, wie die Natur am Kühkopf entstanden ist, und warum sie so schützenswert ist“, wie Lutz Spandau von der Allianz-Umweltstiftung sagt. Dies soll nicht nur anhand der Kopien in den Ausstellungsräumen passieren, sondern draußen im Original. Das sei sinnlicher.

Warum die Natur also so schützenswert ist, erfährt der elfjährige Collin, der gemeinsam mit seinen Mitschülern der fünften Klasse von der Martin-Niemöller-Schule in Riedstadt hergekommen ist, um den neuen Lehrpfad zu testen. Zum Beispiel an der Station „Der Wald der starken Bäume“. Flugs hat der Junge den QR-Code an der knallblauen Informationssäule abgelesen, und es öffnet sich auch schon das interaktive Programm auf seinem Handy. „Wie hoch ist die dicke Eiche vor uns?“, fragt eine Männerstimme und gibt drei Antworten zur Auswahl: zehn, zwanzig oder dreißig Meter? Ein Blick auf die alte Stiel-Eiche, die durch ihre Größe aus dem dichten Wald hinter der Säule hervorsticht, lässt den Schüler dreißig Meter schätzen – richtig! Danach erklärt die Stimme, dass nur noch ein Prozent der ursprünglichen Auwälder in Mitteleuropa vorhanden ist. Der Kühkopf sei einer der größten in Deutschland. 

Als „die Natur dezent wirken lassen“, bezeichnet der Projektverantwortliche im Hessischen Umweltministerium, Hans-Peter Maier, den Vorteil der modernen Infostelen anstelle der früher üblichen großen Infotafeln.

Mit Blick auf seine Schüler, die mit ihren Handys das Gelände erkunden, sagt Schulleiter Martin Buhl: „Es ist die Technik, mit der die Kinder täglich umgehen.“ Die Verbindung von Natur und Technik findet er gut. „Ich hoffe es lockt sie noch mehr raus.“ Dabei mache seine Schule schon viele Projekte, damit die Kinder den Kühkopf kennenlernten. Dass dennoch viele aus der Region das einmalige Naturreservat nicht kennen, stellt auch der Leiter des Umweltbildungszentrums, Ralph Baumgärtel, fest. Was schade ist. Denn das riesige Areal kann man auch ganz ohne ökologischen Bildungsanspruch und ohne Handy genießen.

Die Stimmen seltener Vögel wie Rohrsänger und Blaukelchen, die aus dem Dickicht schallen, der Schwarzmilan, der seine Kreise über den Auenwiesen zieht oder das Geschnatter der Enten, die auf dem durch den Hitzesommer stark hervorgetretenen steinigen Flussbett nach Futter suchen, drängen sich dem Besucher geradezu auf. Durch seine gut ausgebauten Wege lädt das Gebiet auch zum Rad,- Roller- oder Laufradfahren ein. Zudem ist die Halbinsel einer der wenigen Orte, wo keine Autos fahren dürfen – diese müssen auf Parkplätzen vor den Zugangsbrücken warten – und man seine Kinder vorneweg laufen oder hinterher trödeln lassen kann. Der größte Teil des Lehrpfads, der aber nur einen winzigen Teil des gesamten Gebiets erschließt, ist barrierefrei erreichbar. Für die Wagemutigen gibt es verschlungene Trampelpfade in die Wildnis.

Während der Einweihungsfeier ist indes immer wieder vom „vorläufigen Abschluss des Projekts“ die Rede. „Ich bin sicher, da kommt noch was“, sagte denn auch Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid (Grüne). Und in der Tat: Geplant ist, im kommenden Jahr eine Elektro-Fähre zwischen Guntersblum und dem Kühkopf auf den Weg zu bringen, die nicht mehr so stinkt, wie die bisherige dieselbetriebene.

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