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Hamsterkauf in Apotheken

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Keine Angst vorm Piks.
Keine Angst vorm Piks. © Karl-Heinz Bärtl

Weil Impfstoffe für Neugeborene und Kinder fehlen, werden Auffrischungs-Impfungen verschoben.

Weil sich die Pharmaindustrie in den vergangenen Monaten auf die Massenproduktion von Schweinegrippe-Impfstoff konzentriert hat, ist offenbar die Herstellung von Präparaten gegen klassische Kinderkrankheiten aus dem Blick geraten. So ist der für Säuglinge ab der achten Woche empfohlene Kombi-Impfstoff gegen Diphtherie, Polio, Tetanus, Keuchhusten und Hepatitis derzeit bundesweit nicht lieferbar und auch im Landkreis Darmstadt-Dieburg Mangelware.

"Wir haben vor anderthalb Wochen eine Liste mit lieferunfähigen Impfstoffen bekommen", erzählt etwa der Roßdörfer Kinderarzt Thomas Prouschil. Er setzte daraufhin alle Hebel in Bewegung, um noch Restbestände aus Apotheken zusammenzukratzen und zu bunkern, doch lange wird es nicht reichen. "Das ist ein ziemliches Unding", schimpft der Arzt. Sein ganzer Berufsstand sei empört. Er selbst machte seinem Zorn in einem Brief an den Hersteller und Monopolisten "GlaxoSmith Kline" Luft. "Ihr Anspruch war es vornehmlich, das lukrative Geschäft mit der Schweinegrippe zu machen", schreibt Prouschil und fordert den Konzern auf, er möge keinen Vertreter mehr in seine Praxis schicken.

Gefährlicher Keuchhusten

Die Marketingleiterin von "GlaxoSmith Kline" reagierte prompt: "Wir verstehen Ihre Verärgerung über unsere derzeitige Lieferunfähigkeit und möchten Ihnen versichern, dass dies auch für uns eine sehr schwierige Situation ist", beschwichtigt sie und verspricht neue Chargen für die zweite Februarhälfte.

Nachdem sich in der vergangenen Woche zunächst nur unter den auf Reserve fahrenden Ärzten Unmut über das Versorgungsloch breitgemacht hatte, erreichte die Nachricht nun die breite Öffentlichkeit. Etliche besorgte Eltern riefen in Kinderarztpraxen an.

Nicht ohne Grund: Vor allem der fehlende Schutz gegen Keuchhusten kann für Säuglinge lebensbedrohlich sein, betont Kinderarzt Prouschil. Die Gefahr, daran zu erkranken, sei im ersten Lebensjahr am größten. Weniger dramatisch, aber trotzdem ärgerlich sei auch der Ausverkauf beim Vierfach-Impfstoff gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken. Er soll erst im März wieder auf Lager sein. Bis dahin werden vor allem die Auffrischungs-Impfungen geschoben.

Während Kinderärzte am Montag bundesweit zunehmend gereizt auf die Fehlplanung reagierten, kritisierte "GlaxoSmith Kline" in einem Zeitungsinterview "diverse Medien". Ursache für den Engpass beim Neugeborenen-Schutz sei nicht die Massenproduktion des Schweinegrippe-Impfstoffs, sondern ein Qualitätsproblem mit einer Komponente des Kinderimpfstoffs. Dass es beim Schweinegrippe-Impfstoff nicht nur eine Massen-, sondern eine gewaltige Überproduktion gab, bestätigte gestern jedoch unter anderem der Leiter des Gesundheitsamts für Darmstadt und den Landkreis Darmstadt-Dieburg, Georg Hoffmann.

Er sprach von einem "rapiden Abfall der Impfbereitschaft" schon im Dezember. Die Teilnahme lag derart unter den Erwartungen, "dass wir 60 Portionen geöffneten Impfstoff wegwerfen mussten. Den letzten Piks habe es am 22. Dezember gegeben. (sami)

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