+
Auch dieses Haus steht schon lange leer.

Leerstehende Häuser

Aus Häusern werden Ruinen

Leerstehende Häuser und Villen sind in Darmstadt kein Einzelfall - trotz bestehender Wohnungsnot stehen viele alte Gebäude jahrelang leer und verfallen peu à peu.

Wenn nicht bald etwas passiert, verliert Darmstadt eines seiner schönsten Häuser. Eine Villa im Stil der gemäßigten Moderne, entworfen 1926 vom renommierten Büro Markwort und Seibert. Den Besten der zwanziger Jahre in Darmstadt. Ihnen verdankt die Stadt unter anderem das Alicehospital, das Elisabethenstift, das Mielehaus am Hauptbahnhof, die Merck-Hauptverwaltung sowie die Heag-Halle in Arheilgen. Und eben viele Villen. Eine gute Adresse: Am Erlenberg 18. Eine gute Lage: das Eckgrundstück zur Osannstraße; wie ein Logenplatz im Paulusviertel. Ein riesiger Garten. Doch darin schießen die Büsche ins Kraut. Efeu überwuchert die Fassaden, von denen der Putz in großen Placken abfällt.
Bis vor zum Eingangstörchen türmt sich der Müll. Bauschutt, Gerümpel, Autositze, Farbeimer, Dreck. Das Haus verfällt. Offenbar soll es verfallen. Wie lang die Villa schon leer steht? Einige Jahre wohl. Und das ist in Darmstadt kein Einzelfall.

Oft familiäre Probleme

Ganze zwölf Jahre war die Doppelhaushälfte im Niebergallweg 31 dem Verfall preisgegeben, für die Bewohner der intakten Hälfte eine Zumutung. Der Verwandlung eines sparsam klassizistischen Landhauses aus den dreißiger Jahren in eine schaurige Ruine des 21. Jahrhunderts konnte man wie im Zeitlupenfilm zuschauen. Jede Woche zerbrach ein weiteres Stück des Zauns. Überraschenderweise sind seit vergangener Woche Bauarbeiter am Werk. Ein Bagger gräbt die Fundamente frei. Durch eine Schütte rasselt Abraum aus dem ersten Stock. Angeblich haben Familienstreitigkeiten den jahrelangen Leerstand verursacht.
Dieser Grund wird auch bei einem weiteren Schandfleck genannt: der Nieder-Ramstädter Straße 87. Hier ist es ein dreistöckiges Mehrfamilienhaus, das seit Jahren leersteht – ein klassizistischer Gründerzeitbau, der jede Straße im Johannesviertel adeln würde, mit reichem Stuckdekor und schmuckvollem Balkongitter, komfortablen Wintergärten zur Hofseite. Einer der wenigen Bauten, der in dieser Gegend den Krieg unbeschadet überstanden hat. Auch hier stehen Fenster offen; aus den Briefkästen quellen Zeitungen und Reklamepost.
„Das Haus gehört einem ehemaligen Statiker“, sagt Immobilienmakler Hans Jürgen Kleinsteuber. Von einer Scheidungsgeschichte ist die Rede. „Das gibt es oft – der eine will verkaufen, der andere stimmt nicht zu.“ Ende März nun ging bei der Stadt für dieses Gebäude ein Bauantrag ein – gewünscht wird die Aufstockung um eine Etage. Geht das an dieser Stelle, bei dieser Substanz? „Sowohl die Bauaufsicht als auch das Stadtplanungsamt prüfen den Antrag“, lautet die Auskunft der Behörden.

Sanierungsarbeiten nicht die Lösung

Kleinsteuber weiß von Dutzenden ähnlicher Fälle zu berichten. Uneinigkeit bei Erbschaften, zum Beispiel. „Es gibt aber auch Eigentümer, die sagen schlicht, ich will nicht verkaufen, ich lass‘ das so. Und dann kümmern sie sich nicht mehr drum“, sagt Kleinsteuber. „Ja, manche sagen sogar, ich weiß nicht, was ich mit dem Geld anfangen sollte.“ Leerstand, gerade auch bei hochwertigen Objekten, das ist laut Kleinsteuber durchaus ein Darmstädter Thema. „Ja, es gibt leerstehende Häuser. Auch solche, die länger leerstehen. Doch Darmstadt hat“, so die städtische Pressesprecherin Sigrid Dreiseitel, „mit 2,5 Prozent aller Wohnungen die niedrigste Leerstandsquote der hessischen Städte und Landkreise.“ Leerstand sei in Darmstadt „kein strukturelles Problem, sondern ein punktuelles“. Laut Auskunft der Stadt befinden sich die hier aufgezählten Gebäude allesamt in Privatbesitz. „Gewiss, wir brauchen Wohnraum, die Situation auf dem Markt ist prekär. Aber mit Sanierungszwang löst man das Problem kaum“, sagt Dreiseitel.
Die Stadt, sagt Baudezernentin Brigitte Lindscheid (Grüne), setzt auf Kooperation. „Wir wollen die Situation gemeinsam mit dem Eigentümer klären.“ Zwang münde nur in juristische Auseinandersetzungen. Lindscheid räumt aber ein, dass die Kommunen anders handeln würden, wenn ihnen die Baugesetzgebung „eine Handhabe geben würde, die tatsächlich greift“. (ers)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare