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Häuser als Kunstwerke

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Modern und heiter präsentiert sich  eine von Walter Nass gestaltete Fassade in der Kiesstraße.
Modern und heiter präsentiert sich eine von Walter Nass gestaltete Fassade in der Kiesstraße. © Völker

Das Besondere der nach dem Krieg entstandenen Häuser ist die städtebauliche Figur, zu der sie sich gruppieren, und der Schmuck, den sie tragen. Darmstadt hat eine Kunst daraus gemacht, Wände in Bilder zu verwandeln.

"Kleiner Bummel um ein paar Häuserblocks und sehen uns auch die schönen Einzelhäuser hinten auf der Inselstraße an. Prächtige Bauten. Das sind Dingerchen!“ notiert Alice Schmidt am 21. Oktober 1955 im Tagebuch – kurz nachdem sie mit ihrem Mann, dem Dichter Arno Schmidt, nach Darmstadt gezogen ist. Seine Erzählungen, ihre Tagebücher: Sie ergeben ein eindrucksvolles Porträt des Woogsviertels, ja der ganzen Stadt auf dem Höhepunkt des Wiederaufbaus.

Wenige Tage später besichtigte das Ehepaar Schmidt auf der Mathildenhöhe die große Ausstellung „Kunst am Bau“ – Zwischenbilanz einer Bewegung, die auf bis dahin ungekannte Weise in den öffentlichen Raum drängt. Nicht das Wohnzimmer, nicht der Museumssaal, sondern Fassaden, Straßen, Plätze sind die Orte, wo Kunst den Dialog geradezu erzwingt.

Das Besondere der nach dem Krieg entstandenen Häuser ist die städtebauliche Figur, zu der sie sich gruppieren, und der Schmuck, den sie tragen. Darmstadt – in Gestalt vor allem der Unternehmen Bauverein und Hegemag – hat eine Kunst daraus gemacht, Wände in Bilder zu verwandeln. Und das in einer Zeit, von der es heißt: Damals war man schon froh, ein Dach über dem Kopf zu haben.

Dabei ist die Kunst am Bau keine Erfindung der 50er Jahre. Leider. Körperschaftliche Bauherren wurden schon 1934 dazu durch einen Erlass des Propagandaministers Joseph Goebbels verpflichtet. Der Bundestag hat den Erlass dann 1950 in ein Gesetz gegossen. Weil die Goebbelszeit der Nachwelt wahrlich viel zu bauen hinterließ, trieb die Kunst am Bau erst in der Folge ihre schönsten Blüten. Den düsteren Ursprung sieht man den Wandbildern nicht an. Gleichwohl kann man sich das Motiv denken, warum es sie geben musste – Verdrängung, Ermunterung, Befreiung.

Düsterer Ursprung

Deshalb entfalten die Malereien und Mosaiken ein kunterbuntes Panorama lebensfroher Vagabunden, Schäfer, Maurer, Leierkastenmänner, Flötisten und Sonnentänzer, begleitet von Vögeln, Fischen, Bären. Dargestellt in allen Formen zwischen Abbild und Abstraktion. Vergesst Krieg und Verbrechen! Parole: Optimismus.

Das kann man inzwischen gelassen betrachten. Der Appellcharakter hat sich verflüchtigt, das Panorama sich von seiner Geschichte abgelöst. Nun, da sie nichts mehr zu verdecken braucht, offenbart die Kunst am Bau nur noch sich selbst.

Aber das flüchtige Auge des Passanten will trainiert sein: um etwa die Mühe zu begreifen, die sich Well Habich mit dem Scharrieren seines monumentalen „Denkmals für den Wiederaufbau“ (Ecke Beck- und Roßdörfer Straße, 1954) gemacht hat. Mit dem nachträglichen Aufrauen des Betongusses also. Auch Ulla Scholls scheu und schamhaft sich gebender Akt Eck Darm- und Gervinusstraße bedarf des zweiten Blicks – um den Übergang der figürlichen Darstellung in die Abstraktion zu erkennen, der den Fluss der Haare prägt.

Wie die Stimmung im Woogsviertel jener Jahre war, kann man bei den Schmidts nachlesen. Oder eben in der Kunst am Bau entdecken. Arno und Alice Schmidt haben sie, kein Zweifel, anders betrachtet als wir heute. Die Botschaft mag verklungen sein, der subversive Gehalt jedoch bleibt gleich: Zwang mit Heiterkeit zu begegnen, dem Ernst das Spiel entgegenzusetzen – und sich mit Eigensinn jeglicher Fremdbestimmtheit zu entziehen. Es ist das Versprechen der Freiheit. (ers)

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