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Student Felix Klingenbeck hatte die Absturzstelle  2009 entdeckt und half jetzt bei der Suche.
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Student Felix Klingenbeck hatte die Absturzstelle 2009 entdeckt und half jetzt bei der Suche.

Modautal

Den Tod mit den Händen begreifen

Bergung in Brandau: 1943 stürzte eine britische Lancaster über Brandau ab, die sieben Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Jetzt gräbt ein US-Sergeant mit Angehörigen der Soldaten Wrackteile und Knochen aus.

Aufgeregt reicht Ellie Bond den schwarzen Fetzen weiter, den sie gerade im Waldboden freigekratzt hat. "Ein Handschuh", sagt Grabungsleiter Danny Keay sofort. Gut 66 Jahre lang lag das Leder im Wald oberhalb des Modautaler Ortsteils Brandau, wie die anderen Trümmerteile des englischen Bombers, der 1943 hier abstürzte. Die sieben Besatzungsmitglieder kamen ums Leben.

Am Samstag hat die Suche nach den Überresten begonnen. Mit der Unterstützung eines Freiwilligenteams, dem Technischen Hilfswerk, der Gemeinde und des Heimatvereins geht Danny Keay auf eigene Rechnung das Unternehmen Lancaster an. Keay kennt sich aus. Es ist nicht das erste Flugzeug, nach dem der Seargeant First Class der US-Army in seiner Freizeit sucht. Diesmal hatte Felix Klingenbeck Kontakt zu ihm aufgenommen. Der 21 Jahre alte Student hatte die Fundstelle der Lancaster 2009 mit der Metallsonde entdeckt. "Die Soldaten waren ungefähr so alt wie ich, die könnte ich heute an der Uni treffen - ein komisches Gefühl."

Sogar aus England und den USA sind Helfer gekommen. Denn im Boden ruhen nicht nur Wrackteile, sondern auch Überreste von vier Crewmitgliedern. Angehörige der Soldaten wollen dabei sein, sehen, helfen und finden.

Spuren der Familiengeschichte

Zu ihnen gehört Ellie Bond. Sie begleitet ihren Lebensgefährten Keith Tutt. Dessen Vater Bernard Frederick Tutt war der Funker an Bord der Lancaster und starb in der Nacht des 26. November 1943 über Brandau. Da war Keith erst wenige Monate alt.

An diesem verregneten Samstagmorgen im Modautaler Wald ist der 67 Jahre alte Engländer seinem Dad so nah wie nie zuvor, sagt er. In einem wetterfesten Mantel, eine Schiebermütze auf dem Kopf und eine Pfeife im Mundwinkel, schaut er verschmitzt. Wie ähnlich er doch seinem Vater sehe, das habe der Onkel ihm neulich erst gesagt.

Auch für ihn ist Keith hier. Der Onkel ist heute 87. In Nazi-Deutschland verlor er seinen großen Bruder, "seinen Helden". Die Familie musste damit leben, wie Tausende andere auf allen Seiten.

Vor kurzem erfuhr Keith in einem Brief von der geplanten Grabung. Tutt und seine Partnerin zögerten nicht und reisten aus der Nähe von Brighton an.

Auch Neil Smith aus dem schottischen Buckie, seine Cousine Linda Ralph und Mallory Dini aus New York sind für ein paar Tage gekommen. Die Gefallenen waren Onkel und Großonkel. Trotzdem fühlen sich die weitläufig verwandten Spurensucher ihren Familien gegenüber verpflichtet, die Geschichte zuende zu bringen. "Wir können so einen Schlussstrich ziehen", sagt Mallory Dini. Sie wird ein paar Trümmerteile mitnehmen; "damit wir etwas zu begraben haben." Die körperliche Aufarbeitung hilft: "Es ist gut für uns, dass wir das mit Händen begreifen können", sagt Ellie Bond.

So wie den Handschuh, der in einem weißen Eimer neben ihr liegt; zusammen mit einer verrosteten Gürtelschnalle, einem Stück Helm, einem Splitter Glas aus der Cockpit-Haube.

Auch Knochenstücke werden gefunden. Später wird alles gewaschen und sortiert. Doch Danny Keay kann auch so schon häufig bestimmen, was der Waldboden freigibt. Seit 20 Jahren gräbt er in der Vergangenheit. Er will den Gefallenen und ihren Familien ihre Geschichte zurückgeben. An seinen ersten gefundenen Flieger erinnert ihn bis heute dessen Erkennungsmarke am Schlüsselbund. Sie mahnt ihn, der selbst schon in Afghanistan im Einsatz war.

Die Weltkriegsausrüstung kennt Keay so gut wie seine eigene. Als ein dickeres Stück Stoff beim Durchsieben zum Vorschein kommt, weiß er: "Das ist ein Stück Krawatte, denn wie die deutsche Luftwaffe flogen auch die Engländer in Hemd und Krawatte." Um wessen Hals sie gebunden war, weiß Keay nicht.

Die Fundstelle ist ein verschüttetes Trümmerfeld, auf dem nur Kleinteile zu finden sind. Die Wucht des Aufpralls, das Feuer, die lange Zeit: Viel ist nicht mehr übrig. Auch die menschlichen Überreste sind nur Splitter. Vielleicht seien Überreste direkt nach dem Absturz auch irgendwo im Wald begraben worden, mutmaßt Danny Keay. Gefundene Beckenknochen und Wirbel werden einem DNS-Test unterzogen, aber nur zur indirekten Identifizierung der Maschine.

Vermutlich werden die Überreste von Carlos Brown, George Smith, Thomas Watson und Bernard Tutt in einer zentralen Grabstätte bei Dürnbach am Tegernsee bestattet, wo ihre Crew-Kameraden H. C. Aley, David Henry Little und Robert Sinden bereits liegen. Sie waren nach dem Absturz zunächst in Brandau beerdigt, später umgebettet worden.

Kaum persönliche Fundstücke

Am Sonntag werden die Fundstücke mit Draht- und Zahnbürste im Hof des alten Rathauses in Brandau gesäubert. Die Angereisten haben ein emotionales Wochenende fast hinter sich. Sie fühlten sich aufgehoben in Brandau, sagt Keith Tutt, sie seien begeistert vom Einsatz der Ehrenamtlichen wie Heimatvereinsvorsitzender Rainer Hubertus, Gräber Keay oder Finder Klingenbeck.

Vier Kisten mit den Namen der Gefallenen sind vorerst leer geblieben. Viele Wrackteile, aber keine Erkennungsmarken und keine zuzuordnenden persönlichen Gegenstände wurden ausgegraben. "Ist nicht schlimm", sagt Keith Tutt; er hat sich wieder eine Pfeife angesteckt. Gefährtin Ellie Bond nickt. Im Brandauer Wald haben sie mehr gefunden, als sie ausgegraben haben. (loc)

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