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Ein Monitor informiert über die Lernplattform „IServ“ vor der Aula.

Gutenberg Schule Darmstadt

Gewappnet für den nächsten Lockdown

  • Claudia Kabel
    vonClaudia Kabel
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Die Gutenbergschule in Darmstadt zeigt, wie digitales Lernen und Lehren funktionieren kann. Dem nächsten Lockdown sieht der Schulleiter gelassen entgegen.

Freitags – es war der 13. März 2020 – erfuhren die hessischen Schulen, dass sie wegen der Corona-Pandemie schließen müssen. Und während an vielen Schulen damit das Nachdenken darüber begann, wie man die Schüler nun zu Hause unterrichten könnte und wie sie an die Materialien kommen, hatte man an der Gutenbergschule, einer Gesamtschule in Darmstadt-Eberstadt, bereits samstags einen QR-Code aufgebaut. Über diesen konnten die Schüler montags per provisorisch eingerichtetem Link ihre Materialien herunterladen und bearbeiten. Der offizielle Server des Staatlichen Schulamts streikte wegen Überlastung in den ersten beiden Wochen des Lockdown, berichtet Arne Huwald, Rektor und Leiter des Haupt- und Realschulzweigs an der Gutenbergschule. Daher sah sich die Schule nach einer Alternative um und arbeitet seit Ende der Osterferien mit dem Schulservertool „IServ“. Dabei sei man geblieben – auch als der Präsenzunterricht wieder begann.

Marcelina und weitere Digitalexperten, zu denen Schüler ausgebildet wurden, arbeiten an ihren privaten Geräten.

An der Gutenbergschule läuft einiges anders als an anderen Schulen. Zum Beispiel sind die Schüler aller Jahrgangsstufen daran gewöhnt, ihre Hausaufgaben digital abzurufen und per Notebook, Tablet oder Handy wieder abzugeben. Viele arbeiten mit privaten Geräten. Wer kein eigenes hat, kann sich in der Schule eines ausleihen; 36 Notebooks stehen dafür zur Verfügung. Um zu erfahren, wie groß der Bedarf ist, wurde zunächst eine Umfrage gemacht. Diese zeigte, dass von 436 Schülern 396 ein Smartphone besitzen, 228 ein Tablet und 360 zu Hause Zugang zu einem Laptop haben.

Dabei läuft alles über die Lernplattform „IServ“, auf der sich Schüler und Lehrer treffen. Diese ermöglicht Gruppenchats, Videokonferenzen, E-Mails, und man kann sehen, ob ein Lehrer bereits die Anfrage eines Schülers gelesen oder beantwortet hat oder ob die abgegebene Aufgabe schon korrigiert wurde.

Die Akteure

Die Gutenbergschule in Darmstadt-Eberstadt ist eine kooperative Gesamtschule mit 486 Schülerinnen und Schülern aus 50 Nationen. Am Montag wird sich SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil mit dem SPD-Landtagsabgeordneten Bijan Kaffenberger über ihren Weg der Digitalisierung informieren.

Die Dotter-Stiftung wurde 2014 gegründet und zählt zu den größten Stiftungen Deutschlands. Sie ist ausschließlich im Darmstädter Stadtteil Eberstadt aktiv. Bisher sollen mehr als 400 Projekte im Wert von über fünf Millionen Euro verwirklicht worden sein.

Die Initiative Pacemaker aus Düsseldorf setzt sich bundesweit für mehr sozial-digitale Kompetenzen ein und hilft Schulen, ihren eigenen Weg der Digitalisierung zu finden.

Infos: www.pacemaker-initiative.de

Die 14-jährige Marcelina zeigt routiniert mit wenigen Clicks, wie das Programm funktioniert. „Wenn ich eine Aufgabe nicht verstehe, schreibe ich den Lehrer per E-Mail an“, sagt sie. Im Schnitt dauere es zwei Stunden bis die Antwort eingehe. Wer Aufgaben auf Papier bearbeitet, fotografiert die Lösungen ab und lädt sie hoch, erzählt Marcelina. In Mathe werden Aufgaben auch auf dem Rechner bearbeitet, wie ein anderer Schüler anhand von Sinus- und Cosinuskurven demonstriert. Diese Aufgaben werden als Screenshot übermittelt.

„Ich kann mir nicht mehr vorstellen, wie es vorher war“, sagt Marcelina. Sie gehört zu den 60 Digitalexperten der Schule. Das sind Schüler, die seit 2018 ausgebildet wurden, den Lehrern bei der Digitalisierung in der Praxis zu helfen. Dazu gehöre zum Beispiel, ihnen noch mal die App zu erklären, sagt der 17-jährige Christian.

Das digitale Arbeiten habe nur Vorteile, findet Paul. Man spare sich Zeit beim Abschreiben von Aufgaben, Zeit zum Korrigieren. Vielen Schülern und Schülerinnen, die sowieso einen Hang zum Bildschirm haben, kommt der Einsatz der Geräte entgegen. „Aktuell nehmen wir in Erdkunde die Wetterzyklen durch“, sagt der 15-Jährige. Dabei habe man Zugriff auf aktuelle Daten.

Mathestunde: Das Ergebnis wird dem Lehrer direkt übermittelt.

Auch in Politik setzt die Schule auf den Einsatz der Technik. „Schulbücher veralten sehr schnell“, sagt Huwald. „Im Internet haben sie in drei Sekunden die aktuellen Nachrichten.“

Dass Digitalisierung nicht nur E-Mails schreiben bedeutet, betont auch Schulleiter Andreas Stüber. „Nur mit E-Mails kann man keine Erziehungsarbeit leisten“, sagt er. Es müsse eine Mischform im Unterricht stattfinden. Eine fünfte Klasse fotografiere zum Beispiel gerade mit Tablets Blätter von Pflanzen. „Wir wollen den Unterricht nicht ersetzen, sondern ergänzen“, sagt Huwald.

Ein Hindernis für die Digitalisierung an Schulen sieht Stüber vor allem in langsamem oder nicht vorhandenem WLAN. Und darin, dass das Kollegium dahinterstehen muss. An der Gutenbergschule sei das Kollegium sehr engagiert, alleine für die Wartung und Installation von Hardware und das Implementieren neuer Schüler habe man seit Ende der Sommerferien 50 bis 60 Lehrerstunden gebraucht.

Um den Transfer zur digitalen Schule zu schaffen, ist Geld und Wissen nötig. Dass die Gutenbergschule anderen Schulen darin um Lichtjahre voraus ist, liegt vor allem am Engagement der Dotter-Stiftung. Ihre Gründer – Hans Erich und Marie Elfriede Dotter – haben in den 1930er Jahren selbst die Schule in Eberstadt besucht. Das auf drei Jahre angelegte Projekt Dotter-Digital mit einem Volumen von 425 000 Euro läuft in Zusammenarbeit mit der Heppenheimer Strahlemann-Stiftung, der Düsseldorfer Initiative Pacemaker und des Frankfurter Sozialunternehmens Zubaka. Ziel ist laut Projektleiter Benjamin C. Christ, „nicht nur die qualifizierte Begleitung der Schule auf dem Weg der technischen Digitalisierung“, sondern auch Schulentwicklung, Bildungsgerechtigkeit, Berufsorientierung und Sprachförderung. Die Schüler und Eltern der Gutenbergschule hätten auf die Corona-Krise besser reagieren können „als die meisten anderen Schulen in Darmstadt, Hessen und wohl auch als die meisten Schulen deutschlandweit“, sagt der geschäftsführende Vorstandsvorsitzende Karl G. Dotter.

Im Videochat mit seinen Schülern: Lehrer Matthias Szarafanowicz.

Über die Dotter-Stiftung kam auch die Pacemaker-Initiative an die Gutenbergschule. Ihr Anliegen ist es ist, digitale Bildung in Schulen zu integrieren, wie Mitarbeiterin Inga Cordes sagt. In Hessen arbeite die Initiative außer an der Gutenbergschule nur noch an einer Schule in Wiesbaden. Im Wesentlichen gehe es darum, Ängste und Vorbehalte gegen die Digitalisierung aufzulösen. Viele Lehrerinnen und Lehrer hätten Bedenken, wie sie das auch noch schaffen sollen. Oft gebe es nur Einzelkämpfer. „Unser Ansatz ist, das ganze Kollegium mitzunehmen“, sagt Cordes. Zum Programm der Pacemaker gehört auch die Ausbildung der Digitalexperten. Man habe es hier mit einer Haltungsänderung zu tun, sagt Cordes. „Sonst hat der Lehrer das Wissen und gibt es weiter.“

Als nächstes plant die Schule, Klassenräume mit Beamern auszustatten und im Unterricht mit Tablets zu arbeiten. Deren Bildschirmansichten können dann auf ein Whiteboard übertragen werden. Der Vorteil laut Stüber: „Ich habe mein Tafelbild immer dabei.“ Eine gesteigerte Gefahr, dass Schüler während des Unterrichts abgelenkt werden, sieht er nicht. Man könne kontrollieren, auf welchen Seiten sie sich befänden, und bestimmte Seiten könnten gesperrt werden.

Der Schule fehlen jedoch trotz Dotter-Stiftung, privaten Spenden in Höhe von 12 000 Euro sowie städtischen und Landeszuschüssen noch etwa 200 Laptops. Würde die Politik sich für eine Lehrmittelfreiheit entscheiden, könnten die Geräte jeweils für die benötigte Zeit an die Schüler verteilt werden. So wie Schulbücher, sagt Stüber.

Die Stadt Darmstadt hatte kürzlich beschlossen, dass die bautechnischen Veränderungen zur strukturierten Gebäudeverkabelung von Schulen, also LAN und WLAN, sukzessive umgesetzt werden sollen. Auch die „notwendige Beschaffungen der Hardware für Schulen soll vorgenommen und die Zuschüsse des Landes beantragt werden, heißt es im Parlamentsbeschluss.

Der Bund hat ebenfalls Geld für die Digitalisierung an Schulen bereitgestellt; Darmstadt stehen 1,6 Millionen Euro zu. Im Mai wurden bereits 2000 Geräte für Schülerinnen und Schüler ab der dritten Klasse bestellt. Allerdings wurden diese noch nicht geliefert, wie aus städtischen Kreisen zu hören ist. Die Geräte sollen zunächst an bedürftige Darmstädter Schüler verteilt werden. Allerdings reicht auch das nicht, denn es soll in der Digitalstadt 3264 Schüler geben, die keinen Zugang zu Endgeräten haben. Die fehlenden Geräte sollen „demnächst“ bestellt werden, hieß es.

Geduld übt man an der Gutenbergschule: „Wir verändern die Kultur der Schule“, sagt Rektor Huwald. Das gehe nicht von heute auf morgen. „Aber dem nächsten Lockdown sehen wir gelassen entgegen.“

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