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Die guten Menschen von Gleis 1

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Weihnachtsfeier bei der Darmstädter Bahnhofsmission.
Weihnachtsfeier bei der Darmstädter Bahnhofsmission. © André Hirtz

Die Bahnhofsmission ist Anlaufstelle für Reisende und Obdachlose. In diesem Jahr hat die Darmstädter Bahnhofsmission etwa 4300 Menschen geholfen.

Während die Reisenden zu den Zügen hasten, steht Stephan Sieberg an seinem Stand wie ein Fels in der Brandung. Die blaue Jacke mit dem ökumenischen Zeichen – ein gelber Balken und ein Diakoniekreuz – weist ihn als einen von 25 ehrenamtlichen Mitarbeitern der Bahnhofsmission aus. Seine junge Kollegin appelliert derweil mit einer rasselnden Sammelbüchse an die Spendenbereitschaft der Passanten.

Sieberg erzählt, warum er so gern seine Freizeit für die soziale Einrichtung opfert. Einen besonderen Auftrag bekommt er schon seit Jahren kurz vor dem 24. Dezember, auch diesmal wieder. Er holt in Krefeld einen geistig und körperlich behinderten Mann ab und begleitet ihn nach Darmstadt. Dort wohnt der Bruder des Krefelders, mit dem er die Weihnachtszeit verbringen will. „Helfen ist wichtig“, sagt Sieberg, ein älterer Herr, der früher sein Geld mit Möbelknöpfen verdiente, viel in der Welt unterwegs war und fünf Sprachen spricht.

Kürzlich hat er einer verzweifelten jungen Geigerin aus einer Notlage geholfen. Sie hatte ihre Medikamente im Bistro-Wagen vergessen. „Das kriegen wir hin“, tröstete er sie. Der Zugführer wurde informiert, und mit dem nächsten Retour-Zug kam die Medizin nach einer Stunde wohlbehalten im Hauptbahnhof an.

Hilfe für 4300 Personen

„Ich habe in meinem Leben viel Gutes erfahren und möchte gern etwas zurückgeben“, begründet Sieberg sein Engagement bei der Bahnhofsmission. „Jeden Tag erlebe ich etwas Neues.“ In einem Seitenflügel des Bahnhofs am Gleis 1 befinden sich das Büro und die Aufenthaltsräume für Reisende. Am Freitagnachmittag begrüßt die Leiterin, Sandra Wiedemann, ihre Klienten, die sie lieber Gäste nennt, zur Weihnachtsfeier. Kaffee, Plätzchen, Stollen und Schokobrezeln stehen bereit, am Tannenbaum leuchten die Lichter, und Annette Beck spielt Weihnachtslieder.

Peter Groß (54), der im Wohnheim des Diakonisches Werkes in der Zweifalltorstraße ein Zimmer hat, gehört zu den Stammgästen. In der Bahnhofsmission kann er kostenlos einen Kaffee bekommen und mit Bekannten schwatzen, die er auch von der Darmstädter Tafel her kennt. Stolz zeigt er seine Schuhe vor: Er hat sie in der Kleiderkammer der Bahnhofsmission entdeckt. „Die Damen hier sind einwandfrei“, lobt Groß. Wenn er in Mainz oder Wiesbaden ist, gehört die lokale Bahnhofsmission zu seinen ersten Adressen – ein verlässliches Hilfswerk.

An alle Besucher der Weihnachtsfeier verteilt Sandra Wiedemann Geschenke, die die Firma Merck gespendet hat, und nennt Zahlen aus der aktuellen Statistik. In diesem Jahr hat die Darmstädter Bahnhofsmission etwa 4300 Menschen geholfen. Davon waren rund 1500 Reisende, darunter Blinde, Mütter mit Kinderwagen und ältere, auf den Rollator angewiesene Menschen.

„Wir strahlen in der Hektik des Bahnhofs Ruhe und Sicherheit aus. Aber wir sind auch eine Weitervermittlungsstelle“, sagt sie. Ihre Gäste, von denen manche keine feste Bleibe haben, erfahren, wo sie duschen oder Wäsche waschen können oder wo sie ein Notlager finden. Dank guter Kontakte zur Deutschen Bahn, zu den Behörden und sogar zu Konsulaten finden die Männer und Frauen mit den blauen Jacken fast immer für alles eine Lösung.

Die Bahnhofsmission ist montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr besetzt. Sie ist in der Poststraße 14 (Gleis 1) zu finden und unter 06151/896125 erreichbar. Sie hilft kostenlos und unabhängig von Nationalität und Konfession. (pyp)

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