1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Gruseln in der Gruft

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Mit der Taschenlampe im Mausoleum.
Mit der Taschenlampe im Mausoleum. © Claus Völker

Die Reihe „Alice by Night – Alice bei Nacht“ bietet dunkle Einblicke.

Die Kette rasselt, als Stadtführer Nikolaus Heiss sie mit einem Schlüssel öffnet und von dem alten Tor entfernt. Es quietscht kurz, als er es aufmacht. Während die Besucher in der Dunkelheit durch den kleinen Park gehen, raschelt das Laub unter ihren Füßen. Nur ein paar Taschenlampen beleuchten den Weg, der sie zum alten Mausoleum führt. Würde jetzt noch eine Fledermaus über sie hinwegflattern, wäre es eine Gruselkulisse wie aus dem Bilderbuch.

Auch wenn es zeitlich perfekt gepasst hätte: Es war keine Halloween-Aktion, die am Freitagabend eine Gruppe von dreißig Leuten auf die Rosenhöhe führte. Vielmehr folgten sie der Einladung der Stiftung Alice-Hospital, sich zum Auftakt der vierteiligen Reihe „Alice by Night – Alice bei Nacht“ auf die Spuren der großherzoglichen Familie zu begeben.

Besonderes Augenmerk galt dabei Alice Maud Mary von Großbritannien und Irland, die durch ihre Heirat mit dem hessischen Großherzog Ludwig IV. nach Darmstadt kam und durch ihr Wirken die Gesundheitspflege veränderte.

Aha-Effekte in der Kapelle

Heiss steckt einen Eisenstift in das alte Schloss. „Dann will ich mal den Tresor öffnen“, scherzt er und wuchtet die schwere Tür auf. Es ist ein seltener Moment, denn die Pforte zum 1826 von Georg Moller erbauten Mausoleum öffnet sich Besuchern so gut wie nie. Sie treten ein, und da liegt sie direkt vor ihnen, mitten in der kleinen kuppelförmigen Kapelle: Prinzessin Elisabeth Karoline, als weiße Grabskulptur gebettet auf einem Kanapee, angestrahlt vom Schein der Taschenlampen.

„Wie man sieht, ist es eine lebendige Figur“, erläutert Heiss, ehemals städtischer Denkmalpfleger, aber auch im Ruhestand noch im Metier unterwegs. Wie schlafend liegt sie da, gehüllt in eine Art Tunika. „Als könne man sie antippen und sie wache auf.“ Geschaffen hat die anrührende Darstellung des schlafenden Kindes der Berliner Bildhauer Christian Rauch, 1826 beauftragt von Großherzogin Wilhelmine nach dem Tod ihrer Tochter im Alter von gerade mal fünf Jahren.

Sechs Jahre brauchte der Künstler für sein Werk – und es ist nicht das einzige, was die Teilnehmer der Mausoleumsführung staunen lässt. Aha-Effekte winken auch nebenan in der Seitenkapelle: Sie präsentiert sich mit farbigen Wandbemalungen viel ausgeschmückter als der streng klassizistische Zentralbau, aber sehr verwittert nach jahrelanger Durchnässung. Ernüchternd ist auch der Blick in die Gruft, der sich nach Wegheben alter Holzbohlen eröffnet: Zwischen diversen Holzsärgen schimmert matt der blecherne Kindersarg der Prinzessin.

„Da liegt die ganze großherzogliche Familie Hessens“, stellt Heiss fest. 15 Särge seien hier auf die zwei Gruften verteilt. Und nebenan im neuen Mausoleum, erbaut 1905, trifft die Besuchergruppe dann auch auf die Namensgeberin der Reihe: Alice liegt als weiße Marmorfigur auf ihrem Sarkophag, im Arm ihre Tochter Marie. Sie starb an Diphtherie und kurz darauf auch ihre Mutter, die sie bis zum Tod gepflegt hatte.

Die Gruppe tritt hinaus in die Nacht und die abgeschiedene Ruhe der Rosenhöhe. Über die Bedeutung des Parks als bewusst gewählter Ort für die Mausoleen hatten die Besucher zuvor bei einer stimmungsvollen Einführung in den Abend im Restaurant des Alice-Hospitals schon etwas erfahren. Da hielt Heiss bei englischen Pies und Sandwiches, Rotwein und Kerzenlicht einen Vortrag über Gartenkunst in Darmstadt – ganz dem Anspruch folgend, den Britta Opel vom Alice-Hospital mit Blick auf die Veranstaltungsreihe so formulierte: „Wir wollen Gesundheit und Kultur zusammenbringen.“

Das kommt so gut an, dass alle Termine bereits ausgebucht sind, nachdem auch bei der Premiere der Reihe im März alle Plätze schnell belegt waren. Doch laut Opel soll es im März 2014 eine Wiederholung geben. (aw)

Auch interessant

Kommentare