Auf dem Spielplatz des Geschwisterhauses können Kinder, die in Obhut genommen wurden, unbeschwert gemeinsam herumtollen und miteinander spielen.
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Auf dem Spielplatz des Geschwisterhauses können Kinder, die in Obhut genommen wurden, unbeschwert gemeinsam herumtollen und miteinander spielen.

Inobhutnahmen

In der größten Not nicht ohne die Geschwister

  • vonKathrin Hedtke
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Geschwister werden oft getrennt. In Darmstadt hat das Projekt Petra das bundesweit erste Geschwisterhaus eröffnet.

Ein Junge in Shorts rennt ins Esszimmer, es riecht nach Reis mit Soße. „Oh, lecker. Ich habe Hunger“, ruft er. Aber das Mittagessen ist noch nicht fertig. Deshalb hüpft der Siebenjährige noch einmal kurz hinters Haus in den Garten – zu seinen Geschwistern. Dort schaukeln die beiden kleinen Brüder, die drei und vier Jahre alt sind, um die Wette, und auch die fünfjährige Schwester spielt in der Nähe. Eine ganz besondere Szene. Der Grund: Die vier Kinder wurden vom Jugendamt in Obhut genommen, aufgrund einer akuten Krisensituation können sie aktuell nicht zu Hause bei ihren Eltern leben, sondern werden vorübergehend in einer Wohneinrichtung in Darmstadt betreut. Und zwar alle vier zusammen. „In aller Regel werden Geschwister getrennt untergebracht“, berichtet der Geschäftsführer des Projekts Petra, Peter Büttner. Häufig würden die Kinder damit auf einen Schlag nicht nur von ihren Eltern getrennt, sondern auch von ihren Geschwistern. „Dadurch produziert das System ein weiteres Trauma“, sagt der Psychotherapeut. Damit sich das ändert, hat das Projekt Petra in Darmstadt kürzlich ein Geschwisterhaus eröffnet. Die Einrichtung ist ein bundesweites Pilotprojekt.

Jedes Jahr werden seinen Angaben zufolge in Deutschland etwa 50 000 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen, darunter viele Geschwisterkinder. Die Maßnahme soll vor einer akuten Kindeswohlgefährdung schützen, zum Beispiel bei sexuellem Missbrauch, Gewalt oder Vernachlässigung. „Wir haben es im Prinzip nur mit Krisen und Tragödien zu tun“, sagt Büttner. Die UN-Kinderrechtskonvention fordert seit über 30 Jahren, dass Geschwister in der Regel zusammen untergebracht werden. Doch die Realität sieht anders aus.

Die Anfänge des Projekts Petra (Partner für Erziehung, Therapie, Research und Analyse) gehen auf das Jahr 1966 zurück, als Maria Büttner-Trost das Kinderheim Haus Petra in Freiensteinau im Vogelsberg gründete und dieses bis 1976 leitete. Bis zu ihrem Tod 2009 lebte sie in dem Heim und übernahm dort die Rolle der fürsorglichen „Großmutter“.

Ihr Sohn Peter Büttner übernahm 1976 die Einrichtung und baute sie zur heutigen Projekt Petra GmbH & Co. KG mit Sitz in Schlüchtern-Ahlersbach im Main-Kinzig-Kreis aus.

Vor neun Jahren trat mit Sarah Goldbach die dritte Generation in die Geschäftsführung des Projekts ein, das 2019 in Darmstadt, Darmstadt-Dieburg, Frankfurt, in der Wetterau, im Main-Kinzig-Kreis sowie in der Stadt und im Landkreis Fulda 1222 Kinder, Jugendliche und Familien betreute. jjo

www.projekt-petra.de

In Deutschland ist es üblich, dass Kinder unter sechs Jahren in einer Bereitschaftspflegefamilie unterkommen, ältere Kinder und Jugendliche in eigens dafür geschaffenen Einrichtungen. „Jede Altersgruppe hat ihre speziellen Bedürfnisse“, erklärt Einrichtungsleiter Angelo Barba. Hinzu kommt, dass die Häuser oft nicht genug Plätze für mehrere Kinder gleichzeitig frei haben. Deshalb hängt es vom Alter und vom Zufall ab, ob Geschwister zusammenbleiben. Dabei könnten Schwestern oder Brüder für die Krisenbewältigung ganz entscheidend sein, sagt Büttner. „Das sagt einem eigentlich der gesunde Menschenverstand.“

Theoretisch gebe es das Problem schon immer. Doch ein „persönliches Schlüsselerlebnis“ sorgte dafür, dass Büttner selbst aktiv wurde und das Geschwisterhaus in Darmstadt aufbaute. Der Geschäftsführer berichtet, dass sie vor einigen Jahren mitten in der Nacht mehrere Geschwisterkinder in Obhut genommen hätten. Ihre Mutter sei erstochen worden. „Die Kinder waren ohnehin traumatisiert.“ Sein Team habe verzweifelt nach Unterbringungsmöglichkeiten gesucht, so Büttner, und die Kinder auf verschiedene Stationen aufteilen müssen. „Wir mussten die Geschwister regelrecht auseinanderreißen, sie klammerten sich aneinander“, erinnert er sich. „Das bricht einem das Herz.“ In den nächsten Wochen hätten sie die Kinder jeden Tag zum Spielen zusammengebracht – und danach wieder getrennt. Für Büttner stand fest: „Es muss sich etwas ändern.“ Und nahm die Sache selbst in die Hand. Das Jugendamt in Darmstadt war einverstanden.

Nach mehrjähriger Planung eröffnete das Projekt Petra im Januar klammheimlich das Haus für Geschwister. Die Einrichtung bietet zehn Plätze für Kinder von 0 bis 17 Jahren. Aktuell toben dort acht Mädchen und Jungen aus zwei Familien herum. Von außen sieht die Einrichtung aus wie ein gewöhnliches Wohnhaus. Selbst die Nachbarn wissen nicht Bescheid. „Wir sind eine Schutzeinrichtung“, betont der Einrichtungsleiter. „Da ist Anonymität sehr wichtig.“ Einige Kinder werden vom Jugendamt direkt von der Kita oder der Schule abgeholt und haben nur einen kleinen Rucksack dabei, andere können zu Hause noch eine Reisetasche packen. Deshalb stellt die Einrichtung alles bereit – von Kleidung bis zu Spielsachen. Vor allem aber Stabilität. Oberstes Ziel: „Wir versuchen, dass die Kinder hier zur Ruhe kommen.“ Schließlich haben sie Schlimmes mitgemacht. Deshalb seien feste Abläufe sehr wichtig, sagt Barba. „Struktur gibt Sicherheit.“ In der Einrichtung sind Fachkräfte rund um die Uhr für die Kinder da und nehmen sich viel Zeit für Gespräche.

Kinder sollen sich wohlfühlen

Die Mädchen und Jungen sollen sich wohlfühlen: Im Garten steht ein Planschbecken, im Haus gibt es ein Spielzimmer mit Holzküche und Legosteinen, außerdem ein Rückzugszimmer mit vielen Kissen und dickem Plüschteddy in der Ecke. Unterm Dach wird gelernt: Auf den Tischen liegen Laptops und Wasserfarbkästen, an den Wänden hängen selbst gemalte Bilder von Zauberern und Delfinen. Die Betreuer gehen mit den Kindern auf den Spielplatz oder zum Einkaufen, basteln und lesen mit ihnen. „Eigentlich alles, was man auch zu Hause macht“, sagt der Pädagoge. Die Gratwanderung dabei: „Das hier ist kein Zuhause“, betont Büttner. „Wir sind eine Notfallambulanz.“ Die Kinder und Jugendlichen bleiben im Idealfall maximal acht Wochen. Von der ersten Minute kümmern sich die Fachkräfte um eine dauerhafte Perspektive. Bei der Diagnostik wird jetzt auch geklärt, ob allen Kindern der enge Kontakt zu ihren Geschwistern wirklich guttut. In Einzelfällen könne eine gemeinsame Unterbringung auch kontraproduktiv sein, sagt Büttner. Zum Beispiel, wenn der älteste Junge selber Täter ist oder das Mädchen die Mutter ersetzen musste und mit der Rolle völlig überfordert ist.

Der Coronavirus sorgte im Geschwisterhaus direkt nach dem Start erst mal für Verzögerungen. Der Grund: Sonst melden vor allem Kitas und Schulen, wenn sie einen Verdacht auf Kindeswohlgefährdung haben. Dieses Warnsystem fiel vorübergehend aus. Experten rechnen damit, dass die Zahlen jetzt wieder in die Höhe schnellen. Das Geschwisterhaus in Darmstadt nimmt Kinder und Jugendliche aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet auf, bis zu einer Entfernung von etwa 150 Kilometer. Geschäftsführer Büttner schätzt, dass es in ganz Deutschland für eine flächendeckende Versorgung etwa 20 Geschwisterhäuser brauchte. Parallel führt das Projekt Petra derzeit eine bundesweite Studie über Strukturen und Prozesse bei Inobhutnahmen durch. Büttner hofft, dass die Forschungsergebnisse plus Erfahrungsbericht in ein paar Jahren eine Gesetzesänderung bewirken. „Wir müssen aufklären und beweisen, dass es Kindern so besser geht“, sagt er. Im Haus in Darmstadt wurden bislang drei Geschwisterreihen aufgenommen. Für eine allgemeine Aussage sei es deshalb noch zu früh. Aber so viel kann er schon sagen: „Es fühlt sich richtig an.“

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