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Griechische Wut

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Akropolis
Akropolis © dpa

Die Darmstädter Hellenen fühlen sich als Sündenbock für die Probleme um den Euro und bedauern den Imageverlust ihres Heimatlandes.

Angeliki Liakidis packt ihre Koffer. In wenigen Stunden geht es nach Griechenland. „Ich bin mal gespannt, was ich da vorfinde“, sagt die 52 Jahre alte Sozialpädagogin. Die Krise sei in jedem Fall spürbar, auch in ihrer Familie. Ihrer Schwester und ihrem Schwager sei die Rente gekürzt worden, und rundherum werde alles teurer. „Es heißt, Geschäfte schließen.“

Aber fast noch mehr beschäftigt die Integrationsassistentin die Frage, wie sie den Umgang mit dem Thema in Deutschland erlebt hat. „Plötzlich musst du Rede und Antwort stehen.“ Ständig werde man angesprochen, teils interessiert und besorgt, teils aber auch nach dem Motto: Musst du auch bestechen, wenn du in Griechenland bist? „Irgendwann konnte man das nicht mehr hören.“ Wütend gemacht hat sie die Hetze der Medien: „Das war kein guter Journalismus“, findet sie.

Georgios Terizakis sieht das ähnlich. Mit übereinandergeschlagenen Beinen sitzt der Politologe in Jeans und Turnschuhen in seinem TU-Büro. Die Augenbrauen gehen oft hoch, wenn der 36-jährige Darmstädter etwas sagt. Auch jetzt wieder: „Ich hatte immer den Eindruck, dass die Griechen so’n Positiv-Image hatten, und das hat sich in einer rasenden Geschwindigkeit gewandelt.“ Am anderen Ende Europas sei zwar Island bankrott gegangen, aber zu Buh-Männern wurden die Griechen.

Befremdlich fand er zudem die Anfeindungen im Alltag. Auch er als gebürtiger Heiner sei ständig angesprochen worden auf das krisenhafte Griechenland und die faulen Griechen.

Im Reisebüro „Pegasus“ am Steubenplatz grüßt Griechenland aus allen Ecken: In der Nationalfarbe Blau ist nicht nur die halbe Wand gehalten, sondern auch Schreibtisch, Stuhlbeine, Kugelschreiber, Visitenkarten, Papierablagen und die Werbebonbons. Nikos Babis macht sofort Kaffee, als der Gast eingetreten ist. Der 51 Jahre alte Grieche redet wie ein Wasserfall. Dass die Leute auf dem Land nicht so viel merken von der Krise. Dass Griechenland reich sein könnte, wenn die Potenziale Sonne, Meer und Erde besser genutzt würden. Und dass die Reichsten keine Steuern zahlen, das sei auch ein Problem. „Fast eine Millionen Beamte in Griechenland, für was?“, fragt der Reisefachmann. Warum produzierten die Holländer Tomaten für die ganze EU, wo sie doch in Griechenland prima wachsen könnten? Warum koste der Kaffee bei einem griechischen „Lidl“ viel mehr als bei einem deutschen? Aber der Mann vom Reisebüro kann auch Erfreuliches vermelden: „In der Tourismusbranche merkt man die Krise nicht.“

Es ist eine lebhafte Runde, die am Samstagabend auf der Terrasse des Restaurants „Poseidon“ am Kennedyplatz zusammensitzt, um darüber zu sprechen, wie man sich als Griechen in Deutschland fühlt. „Wie Gesprächsstoff“, sagt Sotirias Liakidis, und alle lachen. Außer Georgios Kostomanolakis. „Es nervt“, stöhnt der Gastwirt. Von 150 Gästen täglich ließen zehn einen Spruch los.

Bei Mokka und griechischem Rotwein entspinnt sich eine Diskussion. Unverhofft stößt Stathis Meselidis dazu, soeben zurückgekehrt vom Urlaub in der Heimat, und bringt ein paar Alltagsbeispiele mit. „Sehr schön“ sei es gewesen, aber finanziell „sehr eng“ für viele geworden. Ein Essen mit seiner Familie habe doppelt soviel gekostet wie zuvor. Er habe Quittungen mitgebracht, um mit den hiesigen Preisen zu vergleichen.

„Einschränken und motzen“ laute die Losung der Griechen derzeit. Und: „Die Leute haben Schiss.“ ( aw)

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