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Grenzenlos zwischen Stadt und Land

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Der Schulentwicklungsplan soll festlegen, wie und wo Schüler langfristig lernen.
Der Schulentwicklungsplan soll festlegen, wie und wo Schüler langfristig lernen. © Roman Grösser

300 Experten beraten über die Zukunft der Schulen in der Region.

Fast fünf Stunden haben sich die Fachleute beim Bildungsgipfel im Landratsamt des Kreises Darmstadt-Dieburg in Kranichstein gestern die Köpfe heiß geredet. Schulleiter aller Schulformen waren erschienen, dazu Vertreter aus Wirtschaft und Kultusministerium, Politiker und Eltern. Von "geballter Sachkompetenz" war die Rede, die an der "Schwelle zu einem großen Wurf stehe."

Immerhin machen erstmals in Hessen zwei Schulträger gemeinsame Sache: Darmstadt und der Landkreis Darmstadt-Dieburg wollen zusammen einen Schulentwicklungsplan aufstellen. Ein Novum. Das Staatliche Schulamt als Aufsichtsbehörde begleitet den Prozess und wird am Ende eine Stellungnahme ans Kultusministerium abgeben. Mit dem Bildungsforum in Kranichstein endet die Bestandsaufnahme. Im Sommer soll der Schulentwicklungsplan unter Dach und Fach sein, dann erwartet das Kultusministerium das bis 2015 gültige Werk in endgültiger Fassung.

Wichtige Wahlfreiheit

Wegen widerstreitender Interessen knirschte es gestern zuweilen gewaltig zwischen den Teilnehmern - vor allem als es um das Verhältnis der Darmstädter Gymnasien zu den Gesamtschulen im Kreis ging. Der Messeler Bürgermeister Udo Henke (CDU) und seine Mühltaler Amtskollegin Astrid Mannes (CDU) etwa bissen sich im Forum "Gymnasiale Bildungsgänge und ihre Standortperspektiven" an der noch immer geltenden Zugangsgarantie für Messeler und Mühltaler Kinder an Darmstädter Gymnasien fest. Vor allem Mannes schlug einen aggressiven Ton an: "Wir lassen uns nicht auf eine Gesamtschule zwingen, die Wahlfreiheit ist fundamental wichtig." Die Gesamtschule im benachbarten Ober-Ramstadt werde von den Eltern weitgehend abgelehnt.

Als Mannes die noch etwas weiter entfernte Gesamtschule in Groß-Bieberau für Mühltaler als "Scherz" bezeichnete, verwahrte sich der dortige Schulleiter Hans-Joachim Göbel dagegen. Er sieht seine bis zum Abitur führende Schule als Erfolgsmodell, die auch für Mühltaler erreichbar sei. Der Kreis müsse dem Sog der Darmstädter Gymnasien etwas entgegensetzen, damit er "langfristig bewohnbar bleibt, denn das alles sind Standortfaktoren".

Der Leiter des Darmstädter Justus-Liebig-Gymnasiums, Wolfgang Germann, ergänzte: "Auch Darmstädter Kinder müssen nicht unbedingt ein Vorrecht auf städtische Gymnasien haben, sie könnten ja auch nach Griesheim gehen." Die dortige Schulleiterin Brunhilde Muthmann ist auf bestem Wege, eine Oberstufe an ihrer boomenden Gesamtschule zu etablieren.

Eigene Profile aufbauen, attraktiv werden, Grenzen zwischen Stadt und Land vergessen - das sehen viele als gangbaren Weg. Darauf setzt etwa die Hessenwaldschule zwischen Gräfenhausen, Erzhausen und Wixhausen - die dort praktizierten neuartigen Lernmethoden wirken bereits derart attraktiv, dass die benachbarte Stadtteilschule in Arheilgen um ihre Klientel fürchtet und noch mehr ausdünnt. Ob alle Schulen das nächste Jahrzehnt überleben, ist noch nicht klar. Glaubt man nämlich den Statistikern, gehen die Schülerzahlen in Südhessen um 20 Prozent zurück. Und dann wird es ganz schön eng für manchen Standort. Hier hat der Weiterstädter Gesamtschulleiter und Mathematiker Walter Schnitzspan ein Rezept: "Dieser Rückgang ist doch eine wahnsinnige Chance, die Klassen zu verkleinern." Endlich habe dann auch die Raumnot ein Ende. Schnitzspan stellt sich vor, dass alle Schulen synchron schrumpfen und abnehmende Quantitität zu steigender Qualität führt.

Verteilungskampf um Schüler

Ralf Hörnig vom Kultusministerium wollte sich auf eine solche Diskussion nicht recht einlassen, betonte aber, dass Stadt und Kreis im Verteilungskampf um Schüler von Parallelangeboten abrücken sollten, für die es in Summe keinen Bedarf gebe. "Es muss ja nicht soweit kommen, dass wir Standorte schließen, aber Verbundlösungen sind schon ein Thema".

Auf die Ankündigung des Darmstädter Schuldezernenten Dierk Molter (FDP), die 25 Gymnasialklassen pro Jahrgang hätten in Darmstadt Bestand, schränkte Hörnig ein: "Das Land Hessen gibt keine 25 Züge für Darmstadt vor. Es kommt darauf an, ob sich darin auch die Interessen der Eltern und des Landkreises spiegeln.

Der Darmstadt-Dieburger Schuldezernent Christel Fleischmann (Grüne) betonte, dass der Kreis ein starkes Gymnasialangeobt habe und dass es "künftig wohl Bereiche, gibt, in denen die Stadt Darmstadt weniger herausragt". (sami)

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