+
Neue Grabfelder am Waldfriedhof. Hier sind von links zu sehen: Lucas Wetzel (Garten- und Landschaftsbauer), Cornelia Zuschke (Dezernentin), Doris Fath (Amtsleiterin Grünflächenamt), René Dascher (Fachvorarbeiter/Ausbildungsbeauftragter) sowie Paul Helfert (Ausbildungsleiter).

Darmstadt

Grabpflege inklusive

Auf dem Waldfriedhof soll eine neue Bestattungsform die Hinterbliebenen entlasten. Die Vermarktung der Grabstätten hat begonnen, eine bestimmte Klientel für die auf 25 Jahre vergebenen Plätze gibt es nicht

Kreisförmige Plätze jeweils mit einem jungen Baum im Zentrum, üppige Bepflanzung mit vital blühenden Halbschattengewächsen, zwei Bänke als Sitzmöglichkeit. Grabsteine fehlen, auch Grabschmuck wird es eher bedingt geben – einen Friedhof stellt man sich anders vor. Das neue Gemeinschaftsgrab auf dem Darmstädter Waldfriedhof erinnert eher an einen Stadtpark. Von einem „Paradigmenwechsel in der Bestattungskultur“ sprach deshalb Baudezernentin Cornelia Zuschke (parteilos), als sie gestern die fertige Anlage der Öffentlichkeit vorstellte.

Im neuen Gemeinschaftsgrab inmitten des 33 Hektar großen Friedhofs können fortan bis zu 60 Verstorbene die letzte Ruhe finden. Das Besondere: Die Bestatteten sind nicht zwangsläufig verwandt, kannten sich womöglich gar nicht. „Durch die Globalisierung sind die Angehörigen oft in ganz Deutschland oder der Welt verteilt“, erklärt Cornelia Zuschke, „sodass sich niemand um das Grab kümmern kann.“ Der Clou am Gemeinschaftsgrab sei daher, dass die Grabpflege in der Nutzungsgebühr enthalten ist. Da auf Stelen mit Metallplatten die Namen der Verstorbenen zu lesen sein werden, stelle das Gemeinschaftsgrab einen Kompromiss zwischen dem klassischen Friedhof und der Anonymität etwa eines Wiesengrabes dar.

Für den Verstorbenen kann nach Ansicht der Dezernentin so der Wunsch des völligen Aufgehens in der Natur erfüllt werden, ohne, dass die Angehörigen einen Ort der Trauer missen müssten. Doch Cornelia Zuschke sieht weitere Pluspunkte für die moderne Bestattungsform. „Friedhöfe werden immer mehr auch zu Freiräumen in den Städten“, sagt sie. Die optisch ansprechende Gestaltung und angenehme Atmosphäre sei deshalb wichtig. Umgesetzt haben den Plan die Auszubildenden des städtischen Grünflächenamtes. „Dass sich 17- bis 20-Jährige mit Sterbekultur befassen, hat man heute fast gar nicht mehr in der Gesellschaft.

Dreieinhalb Monaten Bauzeit

Das ist ein ganz besonderer Punkt“, würdigt Zuschke die Arbeit der Lehrlinge. Inspiriert wurden sie vom Waldfriedhof in Karlsruhe. Dorthin waren ihre Ausbilder René Dascher und Paul Helfert mit ihnen gefahren. Anstatt bloß abzukupfern, wollten sich die jungen Leute aber auch eigene Ideen verwirklichen. „Vor allem sollte hier ein Punkt zum Hinsetzen, Verweilen und Erholen entstehen“, beschreibt Dascher die Planungen. Zunächst musste ein herkömmliches Grabfeld, das nicht mehr genutzt wurde, abgetragen werden.

Nach dreieinhalb Monaten Bauzeit stellten Ausbilder und Lehrlinge das Gemeinschaftsgrab pünktlich zum hundertjährigen Bestehen des von August Buxbaum entworfenen Waldfriedhofs fertig. Wegen des nassen Sommers konnten sich die Stauden bereits prächtig entwickeln. „Das regnerische Wetter war ein Glück für uns“, sagt Dascher. „So haben wir wohl schon im nächsten Jahr eine vitale Anlage.“

Die Vermarktung der Grabstätten hat begonnen, eine bestimmte Klientel für die auf 25 Jahre vergebenen Plätze gibt es nicht – vom Arbeiter bis zum Professor sei alles dabei, so die Friedhofsverwaltung. „Der Wandel in der Sterbekultur ist ein Thema, das in allen größeren Städten behandelt wird“, ist Zuschke überzeugt. Sie ist zufrieden mit der „würdigen und schönen“ Grabanlage. (eda)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare