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Gottvater mit Nadel und Faden

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Von: Claudia Kabel

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Anke Bläß und Marie-Luise Frey-Jansen (v.l.) mit einer Kirchenfahne, die restauriert werden soll.
Anke Bläß und Marie-Luise Frey-Jansen (v.l.) mit einer Kirchenfahne, die restauriert werden soll. © Monika Müller

Die Textilwerkstatt in Darmstadt ist der letzte Herstellungsbetrieb für Paramentik in Hessen. Seit Jahren wird ein Auszubildender gesucht.

Es ist still im Souterrain des alten Gemeindehauses. Nur ein rhythmisches schlupp, schlupp dringt aus der Werkstatt. Anke Bläß sitzt auf einem Stuhl, vor sich auf dem Boden eine gut 1,50 Meter lange, in Plastikfolie verpackte Rolle, die sie mit den Füßen hin und her walkt. Schlupp, schlupp. Das Filzen dauert eine Woche, sagt die 51-Jährige. Dabei werden Lagen verschiedenfarbiger Merinowolle so lange gewalkt, bis sich die Fasern miteinander verbinden.

Bläß ist Gesellin in der Textilwerkstatt am Elisabethenstift in Darmstadt, in der Paramente gefertigt werden, Textilien, die Kirchenräume, Altäre oder Kanzeln schmücken. Es sind gewebte oder gefilzte Stoffe, die mit Malereien oder komplizierten Stickereien verziert sind. Jedes Stück ist ein Kunstwerk. Auftraggeber sind die über 1100 Gemeinden, die zur Evangelischen Kirche Hessen und Nassau gehören.

Letzte Paramentenwerkstatt in Hessen

Das Unternehmen wurde 1891 vom Elisabethenstift als Paramentenwerkstatt gegründet und ist seit 2005 in kleineren Räumen in der Prinz-Christian-Straße angesiedelt. Es ist die letzte Paramentenwerkstatt in Hessen. „Zu Spitzenzeiten arbeiteten hier zehn Personen“, sagt die Leiterin, Marie-Luise Frey-Jansen. Jetzt sind es nur noch sie und ihre Gesellin. Seit drei Jahren finden sie nicht einmal mehr Auszubildende zur Textilgestalterin, obwohl sie eine der wenigen Ausbildungsstätten evangelischer Paramentik in Deutschland sind. „Handwerkliches Arbeiten ist heute scheinbar nicht mehr angesagt“, vermutet Frey-Jansen. Das sei schade, denn man müsse das Wissen weitergeben an die nächsten Generationen. Sie selbst hat ihre Ausbildung ebenfalls in dieser Werkstatt gemacht und danach in Nürnberg Kunst studiert.

Aktuell steht eine Arbeit für die Katharinenkirche in Frankfurt an. Frey-Jansen zeigt einen grünen Filzstreifen, in den Vertiefungen gestanzt sind. Darin werden Glasscheibchen mit Goldfaden eingenäht. Der für die Kanzel gedachte Behang erinnert an Blindenschrift, die Symbolik dahinter weise auf Psalme hin, erklärt die 59-Jährige. Kreiert hat dieses Parament das Paderborner Atelier Michael Lönne und Jörn Neumann, das 2017 einen Wettbewerb für den Auftrag gewann. Die meisten Paramente entstünden nach Entwürfen von Künstlern, erklärt Frey-Jansen.

Außer den kirchlichen Auftragsarbeiten übernimmt die Textilwerkstatt auch Restaurationen und Privataufträge. Letztere eher selten, weil Paramente teuer seien. Etwa 1000 Euro pro Teil könne man rechnen.

Bildstickereien kaum noch verlangt

Derzeit liegt eine 120 Jahre alte Kirchenfahne aus der Russischen Kapelle in Darmstadt bei ihnen. Auf bräunlichem Samt ist das Antlitz von Gottvater und einem Engel in Nadelmalerei und Goldstickerei gewirkt. Feinste Gesichtszüge sind ausgearbeitet. Frey-Jansen und Bläß sollen die Kirchenfahne nach der Aufarbeitung durch eine externe Restauratorin zum Schutz mit Gaze überfangen. Das Pendant ist derzeit im Frankfurter Ikonen-Museum ausgestellt. Solche aufwendigen sakralen Bildstickereien werden heute kaum noch verlangt, obwohl Frey-Jansen und Bläß auch die alten Techniken etwa des Nonnenstichs beherrschen. „Das trifft nicht mehr den Zeitgeist“, sagt Frey-Jansen. Auch werde heute nicht mehr die Wolle selbst gesponnen, wobei ihre Schränke noch mit handgesponnenen Fasern in allen Farben überquellen. Früher machten das die Diakonissinnen des Stifts.

Im Raum nebenan stehen die hölzernen Webstühle, auf denen Bildwebereien entstehen. Andere Gewebe, die zum Beispiel als Grundlage für bestickte Paramente dienen, werden von externen Weberinnen hergestellt. „Früher haben wir alles selbst gemacht“, sagt Frey-Jansen. Das sei nicht mehr wirtschaftlich.

Für Bläß, die mit Babypause seit ihrer Ausbildung 1987 hier arbeitet, ist gerade die Vielseitigkeit des Berufs so spannend. Filzen, sticken, weben, klöppeln, Entwürfe erarbeiten, spinnen – die Aufgaben wechseln je nach Projekt. Und Stress? Den kennt man hier trotz Beschaulichkeit auch. Denn Aufträge sind mit Abgabezeiten verbunden, und für manche Arbeitsschritte braucht es nicht nur wochenlange Geduld, sondern auch ein Höchstmaß an Konzentration. Zu schnell ist feingewirkter Stoff durch nur einen falschen Schnitt hinüber.

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