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Das Glück verzockt

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Auch an Spielautomaten gewinnt meistens die Bank.
Auch an Spielautomaten gewinnt meistens die Bank. © dpa

Das Suchthilfezentrum der Caritas hilft Spielsüchtigen auf ihrem Weg zur Abstinenz.

Ein Spieler verliert immer. Sogar wenn er gewinnt. Walter Plau und Mario Figo (Namen von der Redaktion geändert) mussten diese Weisheit bitter erfahren. In ihrer Spielerkarriere an Geldautomat und Pokertisch haben beide gut 200 000 Euro verzockt. Geld, das für ein eigenes Häuschen gereicht hätte. Plau hat sein Konto oft überzogen. Dann hatte er nicht mal mehr genug für die Miete.

Beide Männer sind über das Suchthilfezentrum der Caritas in Darmstadt von der Spielerei weggekommen. Längst haben sie ihre EC-Karten an die Bank zurückgegeben und vertrauen ihr Gehalt ihren Frauen an. Die zahlen ihnen wöchentlich 50 Euro Taschengeld aus, damit sie nicht den überall lauernden Verlockungen erliegen. Gerade jetzt, wo Wettbüros mit Live-Wetten auf WM-Fußballspiele Umsätze machen.

50 Euro Taschengeld pro Woche

Manche Glücksspieler schaffen es, die Reißlinie zu ziehen, sobald sie einen vorher festgelegten Betrag verloren oder gerade einen hübschen Gewinn eingestrichen haben. Dieser Kontrollmechanismus fehlt Plau und Figo: Sie geben ihre Spielsucht offen zu. "Zum Weiterspielen gibt es immer einen Grund. Wenn du verlierst, willst du das Geld wieder reinholen. Wenn du gewinnst, glaubst du an deine Glückssträhne. Wenn dir das Spielen wichtiger ist als alles andere, ist es schon zu spät", sagt der 30 Jahre alte Figo. Er verließ die Pokerrunde mit italienischen Landsleuten oft erst um vier oder fünf Uhr in der Frühe.

In acht Stunden wurde er manchmal 1500 bis 2000 Euro los. Danach interessierte ihn nur eins: Wie komme ich wieder an Geld? Wo kann ich wieder spielen? "Überall blinkt es, dann geht die Musik los", beschreibt der 44 Jahre alte Walter Plau die Anziehungskraft der Spielautomaten, die er einen nach dem anderen fütterte, damit sie immer in Betrieb waren. Alle drei bis fünf Sekunden passierte etwas, und 300 Euro am Abend gingen weg wie nichts. Ihren Frauen und Arbeitgebern erzählten Versandleiter Figo und Chemiefacharbeiter Plau die haarsträubendsten Ausreden, um Müdigkeit oder Zuspätkommen zu erklären.

Eines Tages waren ihre Frauen die Lügen leid und setzten ihren Männern die Pistole auf die Brust: Entweder, du hörst sofort auf, oder du siehst deine Familie nie wieder.

Frau und Kinder waren der letzte Halt der beiden Familienväter. Geschockt von der angedrohten Trennung, suchte Walter Plau im Internet Hilfe und entdeckte das Angebot für Glücksspieler vom Suchthilfezentrum der Caritas. Auf ein erstes Gespräch folgten vier Informationsabende, an denen auch seine Frau teilnahm. Seit Monaten nimmt er nun an der ambulanten Suchtbehandlung, an regelmäßigen Treffen mit einer Psychologin teil, seit 16 Monaten hat er nicht mehr gespielt.

Mario Figo hat sich für eine dreimonatige Reha-Maßnahme in einer Klinik in Bad Hersfeld entschieden. Die ersten drei Wochen waren knallhart, sagt er. Er durfte die Klinik nicht verlassen, keine Kontakte nach draußen haben. Sogar das Handy wurde ihm abgenommen. Seine Entscheidung bereut er nicht. Er hat sich versprochen: "Ich fasse keine Karten mehr an."

Vor kurzem fand er bei der Suche nach seinem Ausweis in einer Schublade 500 Euro, die seine Frau dort deponiert hatte. Einen Moment lang kämpfte er mit sich, fasste das Geld aber nicht an. Er wusste: "Wenn ich das tue, gerate wieder in den Strudel." (pyp)Das Suchthilfezentrum der Caritas Darmstadt ist eine Anlaufstelle für Spielsüchtige und ihre Angehörige. Platz der deutschen Einheit 21 (Hauptbahnhof), Telefon 06151/666770.

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