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Studierende und Wissenschaftler demonstrierten bereits 2018 beim„March for Science“ durch Frankfurt für freie Forschung und gegen Populismus.

Interview

„Es gibt immer wieder Existenzängste“

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Bianca Prietl von der TU Darmstadt muss sich jahrelang von einem befristeten Vertrag zum anderen Vertrag an Hochschulen hangeln. Sie wünscht sich, dass feste Stellen auch unterhalb der Professur geschaffen werden.

Viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind an den Hochschulen mit prekären Arbeitsverhältnissen und unsicheren Zukunftsaussichten konfrontiert. Im Jahr 2017 hatten laut Zahlen des Statistischen Landesamts 86 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter an hessischen Hochschulen befristete Verträge.

Eine von ihnen ist Bianca Prietl. Die gebürtige Österreicherin hat einen Doktortitel in Soziologie und ist seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität (TU) Darmstadt. Ihre Karriere als wissenschaftliche Mitarbeiterin begann 2010. „Und in diesen neun Jahren war ich an drei Hochschulen in zwei Ländern beschäftigt.“ Die genaue Anzahl der Verträge, die sie seitdem unterschrieben hat, müsse sie erst nachzählen, sagt die 35-Jährige. 

War Ihnen zu Beginn Ihrer wissenschaftlichen Karriere eigentlich schon klar, dass Sie sich jahrelang von Vertrag zu Vertrag würden hangeln müssen, Frau Prietl?
Ehrlich gesagt, nicht. Vielleicht bin ich da am Anfang auch zu blauäugig reingegangen. Ich war begeistert, dass ich mich nach dem Studium weiter mit Wissenschaft beschäftigen durfte, und dafür auch noch Geld bekomme. Erst mit der Zeit ist mir das Problem bewusst geworden. Eine längerfristige Lebensplanung ist überhaupt nicht vereinbar mit einer Karriere, bei der man eben nicht weiß, ob man in ein oder zwei Jahren noch einen Job hat und man davon ausgehen kann, dass man öfter umziehen muss. Im deutschsprachigen Raum gibt es zudem kaum entfristete Stellen unterhalb der Professur. Also entweder es klappt mit einer Professur, oder man ist mit Anfang 40 raus aus der ganzen Nummer. Das ist dann leider ein Alter, in dem der restliche Arbeitsmarkt auch nicht händeringend nach einem sucht. 

Wie prekär sind die Verhältnisse an der Technischen Universität Darmstadt?
Von den wissenschaftlichen Mitarbeitenden, die aus Landesmitteln bezahlt werden, sind 90 Prozent befristet beschäftigt. Das Phänomen betrifft auch zunehmend administrativ-technische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Diese Zahlen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat die TU gerade bei den Tarifverhandlungen bestätigt. 

Wie schlimm sind Ihre Existenzängste? Und denken Sie nicht: „Wenn ich es bis 40 nicht geschafft habe, eine Professur zu bekommen, dann steige ich aus...“?
Es gibt immer wieder Existenzängste. Ich versuche aber, mich ihnen nicht vollständig hinzugeben. Das würde mich sonst blockieren. Man will ja auch motiviert und engagiert bleiben. Aber klar gibt es Überlegungen: „Wie viel Zeit gebe ich mir? Habe ich überhaupt noch eine Chance anderswo?“ Auch jetzt habe ich einen befristeten Vertrag. Im Frühjahr ist er für weitere vier Jahre verlängert worden. Netterweise hat mich die Hochschule mit Ausstellung des neuen Vertrages bereits darauf hingewiesen, dass ich mich bei der Agentur für Arbeit melden soll, wenn die vier Jahre rum sind. Denn dann ist meine maximale Beschäftigungsdauer nach dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz* erreicht. 

Also Pläne schmieden wie Hausbau oder Familiengründung sind schwierig, oder?
Jeder von uns geht damit anders um. Manche ziehen trotzdem ihre Dinge im Privatleben durch und sagen: „Im Zweifel verkaufe ich das Haus, packe die Kinder mit ein und ziehe woanders hin.“ Andere schieben solche Entscheidungen immer weiter raus. Ich selbst war lange in dieser „Ich guck mal, wie es läuft“-Haltung. Manche Sachen, wie ein Haus zu bauen, möchte ich auch gar nicht. Bei anderen Entscheidungen, sage ich: „Mach ich jetzt einfach.“ So habe ich mich entschlossen, eine Rentenversicherung abzuschließen, auch wenn ich nicht weiß, ob ich die Raten in den nächsten 30 Jahren zahlen kann. Aber auf eine Festanstellung zu warten mit allem, was ich im Leben möchte, kann nicht Sinn der Sache sein.

Es gibt Beispiele von jungen Wissenschaftlern, die leben zeitweise von Hartz IV, andere müssen die Eltern bitten, die Autorechnung zu übernehmen. Was waren die krassesten Beispiele, die Sie miterlebt haben?
Nach unten gibt es kaum Grenzen. Angefangen von Kollegen, die in der Post-Doc-Phase, ein Jahr lang nur auf Werkvertragsbasis arbeiten. Also die sich mit geringfügigen Beschäftigungen und Arbeitslosenbezügen über das Jahr retten müssen, bis wieder ein Projekt kommt. Trotzdem finanzieren sie privat Konferenzen und Tagungsreisen, weil das für ihre weitere Karriere wichtig ist. Manche von ihnen kommen selbst, wenn sie gerade in einer Phase der Arbeitslosigkeit sind, jeden Tag ins Institut und arbeiten. Ich schätze mich da sehr glücklich, dass ich bislang durchgängig beschäftigt war. 

Bianca Prietl (35) arbeitet seit 2016 an der Technischen Universität Darmstadt. Zuvor forschte die gebürtige Österreicherin in Graz und Aachen. Zwei ihrer Forschungsschwerpunkte sind Geschlechterforschung und Wissenschafts- und Technikforschung.


Im Gegenteil zu Ihnen haben viele Kollegen auch nur halbe Stellen, nicht?
In Fächern wie der Soziologie ist es üblich, dass Stellen vor der Promotion grundsätzlich nur als halbe Stellen vergeben werden. Die meisten Förderinstitutionen zahlen auch nicht mehr. Bei den Ingenieurwissenschaften ist das anders, dort haben auch Prä-Docs zumeist volle Stellen. Die Vergütung an den Hochschulen ist per se nicht schlecht, da kann man sich nicht grundsätzlich aufregen, dass man zu wenig Gehalt bekommt. Aber eine halbe Stelle im Rhein-Main-Gebiet ist eben nur eine halbe Stelle. Das reicht nicht, um Rücklagen zu schaffen. Gleichzeitig wird in der Regel trotzdem erwartet, dass man voll arbeitet.

Wird unter diesen prekären Konditionen eigentlich schlechter geforscht?
Nein. Die meisten leisten trotz der Umstände eine sehr gute Forschungsarbeit. Oft leidet aber die Identifikation mit der eigenen Hochschule, weil man eben nicht weiß, wie lange man dort bleiben kann. Ich weiß auch nicht, ob man so gut langfristige Forschungsideen verfolgen kann, wenn man alles in zwei-, dreijährige Projektzyklen reinquetschen muss. 

Was sind Ihre Hoffnungen für die Zukunft?
Es muss auf jeden Fall politisch etwas passieren. Dauerstellen müssen auch unterhalb der Professur geschaffen werden. Es sollte nicht nur wie bislang den einen Karriereweg geben: Also entweder man kommt auf eine Professur oder man ist nach 15 Jahren, Wissenschaft einfach komplett raus. Es könnte ganz unterschiedliche Stellen geben. Es gibt viele, die keine Professur anstreben, aber weiter forschen oder sich in der Lehre engagieren wollen. Dafür gibt es aber bislang keine Dauerstellen. Unabhängig von der individuellen Perspektive, dass es nicht schön ist, ohne Aussicht auf einen festen Vertrag zu arbeiten, ist das auch gesellschaftlich hochgradig ungerecht. 

Wie meinen Sie das?
Auch in der Wissenschaft gilt ein Exzellenzprinzip: „Wenn man viel arbeitet, dann schafft man es.“ De facto ist es aber ganz klar nicht nur von den eigenen Leistungen abhängig, sondern auch davon: „Wer kann es sich leisten, alle paar Jahre einfach umzuziehen? Wer kann es sich leisten, Tagungsreisen privat zu finanzieren?“ Das jetzige System bevorzugt diejenigen, die finanzielle Ressourcen haben und unabhängig sind – und das auf lange Zeit. Also Leute, die sich nicht noch um andere Menschen kümmern müssen. Und damit meine ich nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Kinder haben, sondern das kann auch ein pflegebedürftiger Angehöriger sein. 

Warum sind Sie morgen beim March for Science dabei?
Das ist Idealismus für die Wissenschaft. Die Wissenschaft ist gerade mit so vielen Anfeindungen konfrontiert. 

Sie meinen auch US-Präsident Donald Trump, der beispielsweise am menschengemachten Klimawandel zweifelt?
Er ist da nur eine Facette. Es gibt schon länger und weit darüber hinaus Angriffe auf die Wissenschaft. Ich komme ja aus der Geschlechterforschung, und da sind Anfeindungen schon lange ein Thema. Der March for Science ist zudem eine schöne Gelegenheit, uns als junge und alte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Teil der Gesellschaft zu zeigen. Einer, der ganz essenziell, aber in der außerakademischen Öffentlichkeit nicht sehr sichtbar ist. 

Funktioniert denn Ihrer Meinung nach Wissenschaft in Zukunft auf Dauer ohne anständige Verträge?
Es gibt viele, die, wenn sie alternative Möglichkeiten in der Wirtschaft haben, sagen: „Mir reicht das jetzt auch nach sechs Jahren prekärer Beschäftigung. Ich gehe.“ Die Idee ist, dass es eine Art Besteauslese gibt. Und ich will jetzt nicht sagen, dass die, die bleiben, nicht gut sind, das sind sie sicher. Es ist jedoch viel mehr Auslese als nur eine Besten-Auslese, sondern eben: Wer kann die Prekarität so viele Jahre aushalten? 

Interview: Kathrin Rosendorff

*Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, kurz WissZeitVG, regelt, wie Verträge für wissenschaftliches Personal an Hochschulen zeitlich befristet werden. Kritisiert wird, dass seit seiner Einführung der Anteil der befristeten Arbeitsverhältnisse an Hochschulen massiv gestiegen sei, vor allem weil die Hochschulen das Gesetz zumeist zuungunsten des wissenschaftlichen Nachwuchses auslegten. Befristungen sind bis zu maximal zwölf Jahren möglich.

March for Science

Beim „March for Science“ gehen am morgigen Samstag zum dritten Mal weltweit Menschen auf die Straße, um für die Freiheit von Wissenschaft und Forschung sowie deren Bedeutung als Grundlage der offenen und demokratischen Gesellschaft zu demonstrieren. Auslöser der Bewegung waren im Jahr 2017 wissenschaftsfeindliche Äußerungen des US-Präsidenten Donald Trump. Er hatte beispielsweise die globale Erwärmung als Schwindel bezeichnet.

In Deutschland sind in zwölf Städten Veranstaltungen geplant. In Frankfurt geht es um 13 Uhr an der Bockenheimer Warte los. Angela Dorn, die hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, wird dort sprechen. Es folgt eine Demonstration durch die Innenstadt. Für 15 Uhr ist eine Kundgebung auf dem Römerberg geplant. Auf der Liste der Rednerinnen und Redner steht auch Birgitta Wolff, Präsidentin der Goethe-Universität Frankfurt. Lorenz Adlung, Immunforscher, Science-Blogger und -Slammer hat ebenfalls zugesagt. Zudem werden Klimaforscherin Helene Hoffmann, Redner der „Friday for Future“-Bewegung und Katja Thorwarth, Redakteurin der Frankfurter Rundschau, sprechen.

Da am Samstag auch Star-Wars-Day weltweit gefeiert wird, gibt es ein „Star-Wars-Tribute-Event“. Um 20 Uhr begibt sich der Physiker und Wissenschaftskommunikator Sascha Vogel auf die Suche nach der Physik, die hinter der berühmten Filmreihe steckt. Der Eintritt im Senckenberg Biodiversität- und Klima-Forschungszentrum, Georg-Voigt-Straße 14, ist frei. Einlass ist ab 19.30 Uhr. (rose)

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