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Oberbürgermeister Jochen Partsch bei seiner Rede vor dem Staatsarchiv.

Darmstadt

Eine Hochburg der Nazis

Die Historiker Fritz Deppert, Peter Engels, Christoph Jetter und Hannelore Skroblies sowie Oberbürgermeister Jochen Partsch erinnern bei Stadtrundgängen an die Nazi-Hochburg Darmstadt. Sie mahnen, wachsam gegenüber Ausgrenzung und ihren Anfängen zu sein.

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Auf einem historischen Rundgang am Tag des Gedenkens erinnerten gestern der Schriftsteller Fritz Deppert, Stadtarchivar Peter Engels, Christoph Jetter (Geschichtswerkstatt) und Hannelore Skroblies (TU Darmstadt) an verschiedene Ausprägungen der Diktatur in Darmstadt. Stationen waren das ehemalige Landestheater (heute Staatsarchiv), das alte TU-Hauptgebäude und die Rundeturmstraße, in der sich seinerzeit das Gefängnis befand.

Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) sagte in seiner Rede vorm Staatsarchiv, dass Darmstadt „eine Hochburg der Nazis“ war und dass der SS-Mann Werner Best aus Darmstadt stammte. Best hatte in den schon 1931 aufgedeckten „Boxheimer Dokumenten“ eine gewaltsame NSDAP-Machtübernahme skizziert und war später Gestapo-Organisator und -Ideologe.

Auch wenn Darmstadt heute eine weltoffene Stadt sei und aktuell viele Flüchtlinge aufnehme, müsse man wachsam bleiben, sagte Partsch. Er erinnerte an die judenfeindlichen Parolen bei Demonstrationen während des Krieges zwischen Israel und der Terrororganisation Hamas im Sommer 2014.

50 Prozent für die NSDAP

Für den Rundgang teilten sich die rund 150 Teilnehmer, darunter drei neunte Klassen der Viktoriaschule, in drei Gruppen auf, geführt von Deppert, Engels sowie Jetter und Skroblies. „Darmstadt hat relativ stark die Nazis gewählt“, sagte Deppert (82) auf seinem Rundgang und erwähnte die 50 Prozent für die NSDAP in der Stadt bei den Reichstagswahlen im März 1933; während die Nazis im Reich auf 43,9 Prozent kamen. Kaum an der Macht, installierten sie schnell auf allen Ebenen ihre Diktatur, sagte der pensionierte Lehrer für Deutsch, Geschichte und Philosophie.

„Am 12. März 1933 hatte die SA das Landestheater besetzt und erzwang, dass Stücke abgesetzt wurden“, so Deppert. Intendant Gustav Hartung wurde entlassen, ebenso der Dramaturg Kurt Hirschfeld. Im Foyer des alten TU-Hauptgebäudes erinnerte Deppert an den Botaniker Michael Evenari, der am 1. April 1933 wegen seines jüdischen Glaubens von der TH-Führung entlassen wurde und noch nach Palästina auswandern konnte.

In der Rundeturmstraße war das Landgerichtsgefängnis. „Alle politischen Gruppen saßen hier ein“, sagte Deppert und erwähnte den Kommunisten Georg Fröba, der dort in die von Werner Best mitentwickelte „Schutzhaft“ genommen wurde. Schutzhaft war ein Euphemismus, so Deppert. Polizei und Gestapo sperrten mit dieser Begründung Menschen ohne Gerichtsbeschluss ein.

„Wer wollte, konnte Bescheid wissen“, sagte Deppert. „Dass die Juden rausgeschmissen und umgebracht werden sollten, hatten die Nazis vorher gesagt.“ Politische Gegner wurden durch die Straßen getrieben. In die Justus-Liebig-Schule waren 1942 über 3000 Juden verschleppt worden, die in Konzentrationslager deportiert wurden. „Sag’s weiter“, zitierte er aus einem seiner Gedichte, „es ist falsch, am Tag nach dem Feuer zu schweigen.“ (mawi)

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