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Ein Weg ins geregelte Leben

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Absolvent Kamil (links) erhält sein Zeugnis von Jürgen Rutz.
Absolvent Kamil (links) erhält sein Zeugnis von Jürgen Rutz. © Guido Schiek

Heranwachsende aus schwierigen Verhältnissen machen ihren Hauptschulsabschluss.

Als Kind vernachlässigt, als Jugendlicher versagt: Wer nie ein Ziel vor Augen hatte, das zu erreichen sich lohnte, kommt schnell vom Weg ab – und braucht professionelle Begleitung.

„Das größte Problem bei manchen Kindern sind die Eltern“, sagt Jürgen Rutz. Als Koordinator der Flexiblen Jugendhilfe haben er und andere Mitarbeiter des Jugendhilfeträgers, die unterschiedliche Berufe repräsentieren, es mit Kindern und Jugendlichen zu tun, deren Leben sich irgendwann in die falsche Richtung entwickelt hat. „Das Leben hat an ihnen Spuren hinterlassen“, bringt es Alexander Kinz, Geschäftsführer des vor mittlerweile 37 Jahren gegründeten Vereins, auf den Punkt.

In seinen Räumlichkeiten in der Julius-Reiber-Straße hatte sich am Dienstag eine kleine Gruppe versammelt, um einen großen Erfolg zu feiern: Erstmals ist es Pädagogen und Betreuern mit vereinten Kräften gelungen, dass zwei Jugendliche die sogenannte Nichtschülerprüfung mit dem Hauptschulabschluss bestanden haben. „Nichtschüler sind sie deshalb, weil sie keine Schule besuchen und stattdessen den Vorbereitungskurs auf die Prüfung bei uns absolvieren“, erklärt Rutz. Träger solcher Kurse, zu deren Abschluss das Staatliche Schulamt einen Prüfungsvorsitzenden stellt, sind unter anderem die Volkshochschule und das Zentrum für Weiterbildung.

Eine der beiden Hauptpersonen der sogenannten Externenprüfung ist der 17 Jahre alte Kamil. Wie alle, die schon als Kind oder erst als Jugendlicher aufgrund verworrener, zerrütteter oder nie vorhandener Familienstrukturen wenig oder kaum Chancen haben, in der Gesellschaft Fuß zu fassen, war auch der gebürtige Pole schnell in den Abwärtsstrudel geraten: Aufgewachsen ohne leibliche Eltern, gescheitert am Bildungssystem (das Aus kam in Klasse acht einer Gesamtschule), umgeben von falschen Freunden.

Vor einem Jahr der erste kleine Erfolg: die Aufnahme ins Hauptschulprojekt der Flexiblen Jugendhilfe – eine Premiere. „Zwei haben nicht durchgehalten“, bilanziert Rutz. Der andere, der es neben Kamil geschafft hat, kam nicht zur bescheidenen, aber herzlichen Feier. Kamil ist anzumerken, dass er all das hinter sich gelassen hat, was ihn viele Jahre umtrieb: Schulangst, die Schulverweigerung zur Folge hatte, mangelndes Selbstvertrauen, kein familiärer Halt.

Diesen gab und gibt ihm die enge Gemeinschaft aus Erziehern, Betreuern, Lehrern und jenen Gleichaltrigen, die wie er erkannt haben, dass sich Anstrengung und Disziplin doch lohnen. Kamil, ein aufgeschlossener, redseliger Jugendlicher, sagt, der Unterricht habe ihm viel Spaß gemacht, er habe gute Lehrer gehabt, einen geordneten Tagesablauf, „auch mit Zeit für mich“. Es sei ja fast „eine Privatschule“, in die er aufgenommen worden sei. Der Abschluss – Durchschnittsnote 2 – soll nur der Anfang sein. „Ich will in die Realschule, mittlere Reife machen, eine Arbeit haben und Geld verdienen.“

Das wäre dann der Zustand, den Geschäftsführer Kinz im Blick hat, als er dem jungen Mann bei aller Freude über das Erreichte verdeutlicht, dass erst der Anfang gemacht ist: „Irgendwann musst du ins richtige Leben.“ (how)

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