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Gemeinsam auf der Pirsch

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Wolf Mursa und sein Habicht warten auf das Startsignal.
Wolf Mursa und sein Habicht warten auf das Startsignal. © Roman Grösser

Beim Jahrestreffen des Bundesverbandes Deutscher Falkoniere in Kranichstein wird deutlich, dass Jagd in Deutschland nicht nur mit Flinte und Zielfernrohr stattfindet. Sondern auch mit Hilfe von gefiederten Freunden.

Der Bundesverband des Ordens Deutscher Falkoniere hat am Wochenende in Kranichstein seine Jahrestagung abgehalten. Verbunden war der Konvent mit einer Beizjagd auf Niederwild, an der mehrere Dutzend Falkner aus ganz Deutschland teilnahmen.

Rund 4000 Jahre alt ist die Falknerei, die gezielte Abrichtung der Vögel im Dienst des Menschen, und ebenso lang gibt es die Beizjagd, bei der Mensch und Vogel eine fast schon rätselhaft vertrauensvolle Symbiose eingehen: Die Greifvögel helfen den Jägern beim Aufspüren und Erlegen der Beute.

Alle Jäger halten ihre Art zu jagen für die kultivierteste, so auch die Falkner. „Anders als der Jäger verzichtet der Falkner auf weittragende Waffen. Er stellt vielmehr naturgegebene Kräfte in seinen Dienst und erhält so dem Wild alle Chancen, im freien Spiel der Kräfte seinem natürlichen Feind zu entkommen“, heißt es im Internetportal der Falknerei.

Werbung tut Not

Allerdings haben es auch die Falkner nötig, für sich zu werben. Sie spüren nicht nur die allgemeine Skepsis, die die Gesellschaft allem Kultischem und Archaischem entgegenbringt, sie mussten sich auch ökologischer Krisen erwehren. Großfelderkulturen und der Einsatz von Pestiziden haben den Bestand freilebender Greifvögel dezimiert und der Beute – Hasen und Kaninchen – den Lebensraum entzogen.

Deshalb sind zur Jagd abgerichtete Greifvögel heute ausschließlich Zuchttiere, die dauerhaft beim Falkner leben. Und die Falkner nehmen oft weite Anfahrtswege in Kauf, um auf die Jagd zu gehen.

Wie Andreas Kleinschmidt. Der Spediteur ist mit seinem Wüstenbussard aus Siegen angereist, und nun steht er mit vielen Dutzend Kollegen am Samstagmorgen bei minus zwei Grad im dichten Schneetreiben vor dem Kranichsteiner Zeughaus und wartet auf den Beizvogelappell. Mit dem beginnt die Jagd.

„Hier sind viele Siegerländer dabei“, sagt Kleinschmidt, „denn bei uns gibt es kaum noch Niederwild.“ Er und seine Kollegen sind dankbar, dass die Darmstädter Jagdpächter ihnen ihre Reviere für die Beizjagd zur Verfügung gestellt haben. Von „Solidarität“ und „gemeinsamer Passion“ ist beim Appell die Rede, bei dem die Tiere gemustert und die Jagdscheine geprüft werden.

Jedes Wochenende unterwegs

„In der Saison“, sagt Kleinschmidt, „sind wir Falkner eigentlich jedes Wochenende unterwegs.“ Saison ist üblicherweise von Oktober bis Februar, je nach Schonzeit des Wildes. Winterwetter gehört also dazu, ebenso wie Gummistiefel und olivgrüner Parka. Statt ein Gewehr über der Schulter zu tragen, lässt der Falkner seinen Beizvogel auf dem Lederhandschuh hocken.

Wenn die Jagd angeblasen ist, stürmen die Vögel nicht gleich davon. Erst marschieren die Falkner ab, lassen sich die Reviere zuteilen. Und dann fliegen die Adler, Habichte, Bussarde und Falken auch nicht alle auf einmal hoch. „Das geht nicht, die Vögel sind beuteneidisch“, sagt Kleinschmidt. „Wüstenbussarde könnten zwar gemeinsam jagen, doch dazu müssten sie einander gut kennen.“ Die Falkner müssen das Wild zunächst aufstöbern. Dann verständigt man sich, wer seinen Vogel loslässt. Der jagt dann in Sichtentfernung des Falkners und stellt die Beute. Mehr aber auch nicht. „So ein Hase“, sagt Kleinschmidt, „der wehrt sich, und er ist auch viel schwerer als der Vogel.“ Dieser kann die Beute also weder töten noch apportieren. „Deshalb müssen wir uns dann beeilen, um die Beute zu erlösen.“

Da liegt es dann, das tote Kaninchen, der tote Hase. Und nun? Das Ziel der Beute ist die Bratröhre. Doch erst mal wird das Wildbret noch auf dem Feld geöffnet, und der Vogel darf „aufatzen“, wie Kleinschmidt es nennt: sich ein paar schöne Brocken aus der noch warmen Beute picken – damit er bei der Stange bleibt. Auf der sitzt der Falke nämlich unter der Woche, vor seiner Hütte, an langer Leine gehalten. Und bis zur nächsten Jagd ist Schmalkost Küchenmeister. Da gibt’s nur dröge Eintagsküken. (ers.)

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