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Der Geist der wilden 70er

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Das Team: Gabriele Miller, Nicole Bailey-Bondeur, Ursula Ott und Reinhard Neumann.
Das Team: Gabriele Miller, Nicole Bailey-Bondeur, Ursula Ott und Reinhard Neumann. © Guido Schiek

Zwischen Sozialkritik und Belletristik: Georg-Büchner-Buchhandlung wird 40 Jahre alt.

Die Polizei zählte in den wilden 70er Jahren zur Stammkundschaft der Georg-Büchner-Buchhandlung. Wenn wieder mal großflächig gefahndet wurde, dann kehrten die Staatsschützer auch in der Lauteschlägerstraße ein. Licht ins Dunkel der sogenannten Unterstützerszene bringen, lautete der Auftrag; man war auf der Suche „nach den geistigen Brandstiftern“, wie das damals nicht nur in der CSU hieß. Der Büchnerladen wurde 1975 als linkes Kollektiv gegründet.

Gefilzt wurde das Sortiment etwa nach Flugschriften der RAF, aber auch nach sozialrevolutionären Ratgebern wie „Lieber krankschreiben als gesundschuften“. „Aber wir hatten alles, was verboten war“, entsinnt sich Gründungsmitglied Reinhard Neumann. Ab und an wurden die Buchhändler ins Amtsgericht zitiert; Verfahren endeten in der Regel mit der Einstellung gegen Zahlung einer Geldbuße.

Aufgewühlt, aufgestachelt; eine unruhige und wache Bürgerschaft gab es damals in Darmstadt. „Hier sind alle Bürgerinitiativen durchgekommen“, sagt Neumann, von den Gegnern der Volkszählung bis zu den Förderern eines Mahnmals „für den unbekannten Deserteur“.

Gründer noch immer hinterm Ladentisch

40 Jahre liegen diese Anfänge zurück. Es waren Studenten der Soziologie, Geschichte, Politologie, des Lehramts für Deutsch und Sport, die den Weg vom Betreiben eines linken Büchertischs in der Hochschule bis zur Gründung eines eigenen Ladens beschritten. Drei von ihnen sind noch immer dabei: Ursula Ott, Gabriele Miller und Neumann. Der Laden in der Lauteschlägerstraße war frei – der maoistisch orientierte Kommunistische Bund Westdeutschland hatte soeben seine Buchhandlungen dichtgemacht. Die Studenten übernahmen das Räumchen mit einem Teil des Sortiments – „noch Jahre lagen hier Bücher über China, dabei hatten wir damit gar nichts am Hut, wir waren ja Spontis“, seufzt Ott.

Die Nachbarhälfte des Doppelladens hatte ein Versicherungsagent der Allianz gepachtet. Später konnte der Georg-Büchner-Buchladen sich dann in dessen Räume erweitern; 1984 kam die Galerie hinzu, die bis heute das ebenso offensichtliche wie verwinkelte Ambiente prägt. Die Innenarchitektur hatte FH-Designprofessor Bernd Meurer entworfen, Lebensgefährte der Buchhändlerin Dorothee Oppermann. Meurers Studenten gestalteten das Mobiliar.

Ein Schwerpunkt des Sortiments war die Architektur. Die Monografien über japanische oder österreichische Stararchitekten gingen weg wie warme Semmeln. Damals führte die Buchhandlung auch einen Verlag.

Der Büchnerladen hat in seinen vier Jahrzehnten nur einige Moden der Branche geteilt, gewiss aber alle ihre Krisen. In den vergangenen 15 Jahren sah man das Sterben der alteingesessenen Konkurrenz: Lichtenberg, Gebicke, Schroth, Schlapp, Gutenberg, zuletzt Wellnitz.

Doch die Buchhandlung, die als GmbH betrieben wird, schaffte es, wohl auch, weil alle aus Team einen Zweitberuf haben. Tausende Stunden hat gleichwohl jeder von ihnen vor den Buchrücken abgedient, mit Enthusiasmus. „Da wurde über alles diskutiert“, sagt Neumann, heftig befeuert von der Glut der Rothhändle-Zigaretten. „Das endete oft erst um zwei Uhr nachts mit einer Bockwurst beim Petri.“

Blauer Dunst in einer Buchhandlung, das scheint heute unvorstellbar. Bücher der Kritischen Theorie – und ihrer Kritiker – gibt es dagegen noch immer. Dazu viel Flüchtlingspolitik und Weltkriegshistorie. Aber die Kundschaft hat sich verändert. Das Publikum ist noch immer politisch interessiert – aber meist nicht mehr engagiert. Man informiert sich; das muss genügen. Polizisten und Studenten bleiben aus. Der akademische Nachwuchs, so erlebt man es hier, hat sich vom Buch verabschiedet.

An die Stelle der aufstachelnden Literatur tritt eine kontemplative – Bücher über schöne Gärten, schöne Küchen. Raffiniert und dekadent als Comic gezeichnete Klassiker. Bilderbücher für den dritten Lebensabschnitt. Und natürlich die Belletristik. Sie dominiert das Angebot, kundig ausgesucht, mit vielen Editionen kleinerer Verlage.

„Wir sind schöngeistiger geworden, ganz klar“, sagt Ott. Gaby Miller sagt es so: „Wenn jemand erst mal in unserem Laden ist, dann haben wir ihn.“ (ers)

Der Büchnerladen in der Lauteschlägerstraße 18 feiert das Jubiläum am Samstag, 11. Juli, ab 17 Uhr.

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