1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Gegen Schweigen und Vergessen

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Waltraud Geckeler hat ihren Vater in Hadamar verloren.
Waltraud Geckeler hat ihren Vater in Hadamar verloren. © Jockel

Die NS-Zeitzeugin Waltraud Geckeler spricht über die Ermordung ihres kranken Vaters, über die Gräuel der Nationalsozialisten, über Flucht und Vertreibung und das große Schweigen danach.

Mein Vater ist ´41 in Hadamar umgebracht worden. Es war im Mai." Waltraud Geckeler, die ihren Bericht mit diesen Worten beginnt, wurde 1929 geboren. An ihren Vater Philipp Ehrhardt hat sie keine Erinnerung. "Er war ein großer, schöner Mann, hat meine Mutter immer gesagt." Ihre Familie stammt aus Winterkasten im Odenwald, der Vater war vor seiner Ermordung durch die Nazis zehn Jahre lang in der Heppenheimer Psychiatrie. "Es hieß immer nur, er sei nervenkrank - und es durfte doch nicht bekannt werden, dass wir so einen in der Familie hatten", berichtet sie.

Flucht vor den Nazis

Geckeler wohnt heute in Darmstadt und schreibt an ihren Kindheitserinnerungen. Für die Ausstellung "Lebensunwert - zerstörte Leben", die im Seeheimer Rathaus zu sehen ist, will sie als Zeitzeugin berichten. Über die Gräuel der Nationalsozialisten, über Flucht und Vertreibung und das große Schweigen danach. Den Satz "Sei still, das darf man nicht erzählen" hat sie zu oft in ihrem Leben gehört. "Ich will, dass die Leute wissen, was damals passiert ist. Auch die in Winterkasten."

Als Vierjährige erlebt sie mit, wie eines Nachts Männer der SA (Sturmabteilung) zu ihrem Haus in dem kleinen Odenwalddorf kommen und alles durchsuchen. Die Mutter steht im Verdacht, einem befreundeten SPDler zu helfen, hatte die gesuchten Papiere aber rechtzeitig verbrennen können. Mit Tochter Waltraud flieht sie nach Frankreich, der Vater bleibt in Heppenheim zurück.

1940 landen die Flüchtlinge in einem Übergangslager der deutschen Besatzer. "Jeden Tag hörten wir Schreie aus dem Haupthaus. Erst eine Historikerin erklärte mir später, dass wir gemeinsam mit Juden eingesperrt waren, die sortiert und nach Auschwitz deportiert wurden", berichtet Geckeler.

"Nachdem wir 1942 nach Deutschland zurückkehrten, hieß es immer nur, mein Vater sei ,totgespritzt worden. Wir hatten Angst, für Rachegedanken gab es keinen Raum - nur Schweigen." Nach Kriegsende will Geckeler nicht mehr schweigen. Sie begibt sich auf Spurensuche.

In den 80er Jahren besucht sie die Gedenkstätte Hadamar zum ersten Mal und erfährt, dass Philipp Ehrhardt vergast wurde - wahrscheinlich noch am Tag seines Eintreffens. Geckeler geht die Stufen in die Gaskammer hinab, den Sohn an ihrer Seite. Bei ihren Recherchen stößt sie auf die Sterbeurkunde des Vaters. Als Todesursache ist darin "Paralyse" verzeichnet, an Schizophrenie soll er angeblich gelitten haben. "Ich kann nur hoffen, dass er nach zehn Jahren in der Psychiatrie nicht mehr viel mitbekommen hat", sagt Geckeler.

Als sie über das Erlebte sprechen will, stößt sie immer wieder auf Ablehnung. "Heute so eine Ausstellung in Deutschland zu sehen, ist deshalb für mich eine große Erleichterung", sagt sie. Alle sollen wissen, was mit dem Vater geschehen ist. (det)

Am heutigen Montag wird die Ausstellung um 19.30 Uhr im Seeheimer Rathaus eröffnet. Waltraud Geckeler wird im Gespräch mit Margret Hamm, Geschäftsführerin des Bundes der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten, aus ihrer Familie berichten. Die Schau ist bis 12. Februar zu sehen.

Auch interessant

Kommentare