1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Gegen den Hausarztmangel

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Hausarzt Carl Ebell übergibt nach 30 Jahren an Allgemeinmedizinerin Heike Berger.
Hausarzt Carl Ebell übergibt nach 30 Jahren an Allgemeinmedizinerin Heike Berger. © Melanie Schweinfurth

Heike Berger übernimmt Praxis und Patienten von Vorgänger Carl Ebell.

Seit 30 Jahren ist Carl Ebell als Allgemeinmediziner in Eppertshausen tätig, hat eine Hausarztpraxis in der Friedensstraße. Mit 65 Jahren geht er nun in den Ruhestand. „Zuvor wollte ich jemanden finden, der die Praxis weiterführt, doch das war schwierig“, sagt Ebell. „Die jungen Kollegen streben eine Gemeinschaftspraxis in der Großstadt an oder wandern nach ihrem Medizinstudium gleich in die Pharmaindustrie ab.“ An Landarztpraxen hätten junge Ärzte kaum Interesse.

Anzeigen in Fachblättern seien ohne Erfolg geblieben. Dass Ebell am 1. September seine Praxis an einen Nachfolger übergeben kann, seine Patienten nicht befürchten müssen, ab Herbst vor verschlossenen Türen zu stehen, ist einem Zufall und der Mutter von Bürgermeister Carsten Helfmann (CDU) zu verdanken.

Eppertshausen geht einen einmaligen Weg

„Anfang des Jahres musste meine Mutter den ärztlichen Bereitschaftsdienst in Dietzenbach in Anspruch nehmen und kam dort mit Ärztin Heike Berger ins Gespräch“, erzählt Helfmann. Seine Mutter stellte den Kontakt mit der Gemeinde her, die am Jahresbeginn einem dramatischen Hausärztemangel in Eppertshausen entgegensah. Ursprünglich gab es in Eppertshausen drei KV-Sitze, also Stellen für Ärzte mit einer Zulassung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Als Allgemeinmediziner Wolfgang Trausmuth vor vier Jahren seine Kassenzulassung zurückgab, sich auf die Behandlung von Privatpatienten fokussierte, zeichneten sich erste Lücken in der Gesundheitsversorgung der Eppertshäuser Bürger ab.

Mit Blick auf das Alter der beiden verbliebenen Kassenärzte – Volker Kühnscherf ist heute im Rentenalter, will aber weiter praktizieren – entschlossen sich Gemeindevorstand und Parlament zu einem ungewöhnlichen Schritt. Im März stand die Privatpraxis von Wolfgang Trausmuth zur Zwangsversteigerung an, Bürgermeister Helfmann trat als Bieter auf und erhielt für die Gemeinde den Zuschlag.

Ärztin Heike Berger habe mit Wolfgang Trausmuth über eine Zusammenarbeit gesprochen. Doch dies kam für ihn nicht infrage. Nun wird die Gemeinde dem Arzt die Kündigung aussprechen. „Wir sind seit Anfang Juni Eigentümer der Praxis im Sandweg“, sagt Helfmann mit Verweis auf die Zuschlagsbeschwerde, die der Insolvenzverwalter des Privatarztes eingelegt hatte. Das Landgericht Darmstadt hat die Beschwerde jedoch abgewiesen. Inklusive aller Nebenkosten investierte die Gemeinde 400 000 Euro.

Trausmuth ist derzeit Mieter, doch das wird sich ändern. „Der Praxiserwerb macht nur Sinn, wenn davon die Mehrheit der Eppertshäuser profitiert, sich also Kassenärzte hier niederlassen“, sagt der Bürgermeister. Eine von ihnen ist Heike Berger (54), die seit 2012 in Obertshausen 1100 Patienten hausärztlich versorgt. Dies will sie auch weiterhin tun. „Ab September werde ich je 20 Stunden wöchentliche Sprechzeit in Obertshausen und Eppertshausen anbieten“, sagt die Fachärztin für Allgemeinmedizin. Die Praxis von Carl Ebell hat sie übergangsweise gemietet, bis das Objekt im Sandweg frei wird. „Mit Ebells Ruhestand wäre ein weiterer KV-Sitz in Eppertshausen weggefallen, die Versorgung von 1300 Bürgern fraglich gewesen“, sagt Helfmann.

Geplant ist, dass Berger später die Praxis im Sandweg mietet und Ebells Patienten dorthin mitnimmt. Für die künftige Gemeinschaftspraxis hat die Gemeinde bereits einen zweiten Arzt im Visier. „Unser Ziel sind 2,5 KV-Sitze, um die hausärztliche Versorgung in Eppertshausen gut abdecken zu können.“ (eda)

Auch interessant

Kommentare