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Gedämmte Kunst

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Auch der Leierkastenmann von Eberhard Schlotter  sollte ursprünglich hinter Dämmplatten verschwinden.
Auch der Leierkastenmann von Eberhard Schlotter sollte ursprünglich hinter Dämmplatten verschwinden. © Claus Völker

Durch rigide Vorschriften der Energiesparverordnung verschwinden Bilder von Häuserwänden.

In Darmstadt leben die Künste" - dieser Slogan, einst auf jeden Brief gestempelt, der die Stadt verließ, ist längst verblasst, selbst in der Erinnerung. Seine Berechtigung hatte er ursprünglich auf doppeltem Weg erworben: Durch das Werben um Künstler, Architekten und Dichter, die sich in Darmstadt ansiedelten, und über den sichtbaren Niederschlag ihrer Arbeit.

Sichtbar überall in der aus Trümmern emporwachsenden Stadt. Es war die "Kunst am Bau", die den von vielen als recht karg empfundenen Wiederaufbau veredelte, die Trauer um verlorenen Stuckzierrat dämpften und den Blick auf eine heitere, spielerisch aufgefasste Interpretation städtischer Existenz lenken sollte. Augenzwinkernd und optimistisch: ein (Über-)Lebensprogramm.

Was wird nun aus diesen Bildlegenden, diesen Erzählungen einer der Zukunft zugewandten Stadt? Nicht nur die filigranen Fassaden der fünfziger Jahre, auch die sie begleitende Kunst ist unversehens bedroht - durch die Rigidität, mit der die Energieeinsparverordnung das dicke und dichte Dämmen der Hauswände verlangt.

Habicht-Werk abgehobelt

Wie schnell vertraute Embleme aus dem Gesicht der Stadt verschwinden, zeigt ein Beispiel in der Heidelberger Straße. 53 Jahre lang schmückte ein Muschelkalk-Relief des Bildhauers Well Habicht den Wohnhauskomplex 49 bis 51. In dem vom Kulturamt herausgegebenen Katalog "Kunst im öffentlichen Raum" ist es verzeichnet: "Mutter mit zwei Kindern". Eine Frau in christusähnlicher Pose, obgleich im Badeanzug, legt ihre Hände auf den Kopf eines kauernden Knaben und die Schulter eines knienden Mädchens.

"Legte", muss es nun heißen, denn das Relief ist fort. Vor einiger Zeit stand die Sanierung der Gebäudegruppe an, die der Merck-Wohnbaugesellschaft gehört. "Und dabei ist das Relief unter der Wärmedämmung verschwunden", wie Merck-Sprecher Gerhard Lerch sagt.

Dem Unternehmen sei die Bedeutung des Kunstwerks bewusst gewesen. "Well Habicht war ja ein in der Region anerkannter Bildhauer." Man habe, so Lerch, Fachleute gefragt, was mit der Plastik geschehen könne. "Die Begutachtung hat ergeben, das eine zerstörungsfreie Entnahme nicht möglich ist. Das Relief ist zu tief in die Wand eingelassen." Gegen eine Aussparung des Kunstwerks von der Dämmung habe es bauphysikalische Bedenken gegeben.

Ist Habichts Relief denn unter den Dämmplatten wenigstens noch gut erhalten? Lerch zögert. "Ich vermute eher, dass man es etwas glatt gemacht hat." Soll heißen - abgehobelt.

Lerch sagt es nicht ohne Bedauern. Und verweist darauf, dass im Hof der Mietshausgruppe noch eine Katzenfigur von Habicht steht. Und auf dem Merck-Werksgelände ein Flamingo.

Bedauern auch bei Nikolaus Heiss, dem städtischen Denkmalpfleger. Er hat vom Verschwinden des Habicht-Reliefs nichts gewusst - das Gebäude steht nicht unter Denkmalschutz. Und eine Meldepflicht für Hauseigentümer, die Kunstwerke aus dem öffentlichen Raum entfernen, gibt es nicht.

"Das Thema beschäftigt uns ständig", sagt Heiss. "Rechtliche Möglichkeiten einzuschreiten haben wir nur bei denkmalgeschützten Bauten. Bei anderen können wir immerhin gut zureden - wenn wir einbezogen werden." Heiss verweist auf das Beispiel des großen Sgraffitos "Der Leierkastenmann" an der Ecke Martin- und Rückertstraße, 1950/51 von Eberhard Schlotter für den Bauverein gefertigt.

Fehlendes Bewusstsein

"Auch das wollte man unter Dämmplatten unsichtbar werden lassen", berichtet Heiss. Auf seinen Einspruch hin wurde die Fläche ausgespart. "Mittlerweile", lobt der Denkmalpfleger, "macht der Bauverein das wirklich vorbildlich." Bei anderen Eigentümern fehlt hingegen oft das Bewusstsein für den Wert der "Kunst am Bau" - und manchmal auch das Wissen um technische Alternativen. "Dabei", sagt Heiss, "gibt es immer eine Lösung. " (ers)

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