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Gedächtnis für Geschichte

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Mit seiner inzwischen verstorbenen Frau eignete sich Angenend viel historisches Wissen an.
Mit seiner inzwischen verstorbenen Frau eignete sich Angenend viel historisches Wissen an. © Grösser

Der Darmstädter Arno Angenend ist mit 96 Jahren ältester Referent der Akademie 55plus. Seit über 30 Jahren beschäftigt er sich mit deutscher Geschichte.

Viele ältere Menschen verbringen ihre Zeit vor dem Fernseher. Der 96-jährige Arno Angenend aber hätte gar keine Zeit für die Flimmerkiste. Sein Wohnzimmer verrät, womit er sich beschäftigt: Geordnet und griffbereit stehen dort jede Menge Geschichtsbücher im selbst angefertigten Regal. Zweimal in der Woche kauft er eine Zeitung, ansonsten fühlt er sich vom Radio ausreichend über das Weltgeschehen informiert.

Der 96-Jährige ist der derzeit älteste Referent der Akademie 55plus und hat ein Gedächtnis, um das ihn mancher Schüler beneiden könnte. Im Zahleneinprägen war er schon immer gut. Auf Anhieb weiß er, dass Kaiser Wilhelm II. am 27. Januar 1904 seinen 45. Geburtstag feierte – und das ist kein Datum, das für die Weltgeschichte von irgendeiner Bedeutung wäre. Wohl aber für Arno Angenend und dessen Frau Ellen: Während einer Reise entdeckte das Paar zufällig in einem Hotel ein DIN-A-3 großes Dokument, das Bezug auf dieses Geburtstagsfest von Wilhelm II. nahm.

Das Dokument löste bei dem Paar Neugier aus: Es wollte mehr über den Kaiser und seine Zeit erfahren. Das war der zündende Funke für ein Hobby, das sie viele Jahre miteinander teilten. Beide erarbeiteten sich durch fleißige Lektüre die deutsche Geschichte, mit der sie beruflich nie etwas zu tun gehabt hatten. Seit 1953 hatte Angenend als Nachrichtentechniker bei Röhm und Haas gearbeitet. Als er mit 63 Jahren in Rente ging, stand für ihn und seine Frau fest: „Ruhestand wollen wir nicht.“

Vortrag ohne Manuskript

Die beiden besuchten, stets Spuren der Geschichte folgend, viele Schlösser und reisten dafür kreuz und quer durch Deutschland. Abends im Bett lasen sie sich gegenseitig aus Geschichtsbüchern und Biografien vor. Vom Hobby der Eltern ließ sich Tochter Regina, die mit dem Schriftsteller Eckhard Henscheid verheiratet ist, anstecken und übertrumpfte sie sogar noch. Sie lernte Polnisch und erforscht akribisch in Archiven das Leben und Wirken des Generalfeldmarschalls August Neidhardt von Gneisenau. „Das sind Intelligenzbestien“, bewundert Angenend Tochter und Schwiegersohn.

Das autodidaktische Geschichtsstudium genügte ihm und seiner Frau völlig. Beide verspürten nicht den Drang, ihr Wissen weiterzugeben. Angenend, der 1916 zur Kaiserzeit auf die Welt gekommen war, wurde einmal von einer Schule als Zeitzeuge eingeladen, um Schülern von der Weimarer Republik zu erzählen. Befriedigt stellte er fest, dass er die jungen Leute anderthalb Stunden lang fesseln konnte.

Als seine Frau nach 70-jähriger Ehe starb, fiel er, wie er zugibt, „in ein großes Loch“. Doch mit Hilfe der Darmstädter Akademie 55plus fand er wieder hinaus. Er veranstaltete ein Seminar und bot Vorträge über verschiedene Kapitel deutscher Geschichte an.

Den Text für seine Referate arbeitet er schriftlich aus, lässt aber sein Manuskript stets zuhause, weil er sich auf sein Gedächtnis verlassen kann. Im Vortrag verbindet er Fakten mit Anekdoten und widmet sich nicht nur Kaisern und Königen, sondern auch den Lebensbedingungen des Volkes.

Zehn Vorträge hat er mit der Akademie 55plus vereinbart, sieben davon bereits gehalten. Doch selbst nach dem zehnten Referat wird noch so viel Erzählstoff übrig bleiben, dass er seinen Fan-Kreis im Sommersemester 2013 mit weiteren Geschichtsstunden unterhalten kann. (pyp.)

Der nächste Vortrag ist am Montag, 5.?November, um 16.30 Uhr im Wohnpark Kranichstein, Borsdorffstraße 40, zum Thema „Nachdenken über die preußischen Hohenzollern. Anfang, Niedergang und Ende“.

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