Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Agnes Schmidt, Vorsitzende der Luise-Büchner-Gesellschaft in Darmstadt. Der Blick der Büste von Luise Büchner ist auf das ehemalige Gymnasium gerichtet.
+
Agnes Schmidt, Vorsitzende der Luise-Büchner-Gesellschaft in Darmstadt. Der Blick der Büste von Luise Büchner ist auf das ehemalige Gymnasium gerichtet.

Darmstadt

„Für Frauen gab es nur ein Ziel: Heiraten“

  • vonKathrin Hedtke
    schließen

Interview mit Agnes Schmidt zum 200. Geburtstag von Luise Büchner

Im 19. Jahrhundert gehörte sie zu den Pionierinnen für Gleichberechtigung: Im Interview erklärt die Vorsitzende der Luise-Büchner-Gesellschaft in Darmstadt, Agnes Schmidt, warum Luise Büchner zwar nicht radikal auftrat, aber trotzdem nachhaltig die Gesellschaft veränderte.

Luise Büchner gehört zu den allerersten Frauenrechtlerinnen überhaupt. Lange schien sie außerhalb von Darmstadt fast vergessen zu sein. Was haben wir ihr zu verdanken?

Luise Büchner hat etwas in Gang gesetzt. Sie hat 1855 ein schmales Büchlein herausgegeben: „Frauen und ihr Beruf“. Aus heutiger Sicht steht da nichts Revolutionäres drin. Aber für damalige Verhältnisse war es eine Sensation, schon nach einem halben Jahr wurde die zweite Auflage gedruckt, weitere folgten. Luise Büchner hat die Worte „Frau“ und „Beruf“ zusammengebracht, das war außergewöhnlich. Zur damaligen Zeit gab es für bürgerliche Frauen nur ein Ziel: heiraten. Sie durften maximal bis zur 6. Klasse in die Schule gehen – und danach hieß es: auf einen Mann warten. Als eine der Ersten hat sich Luise Büchner für ein selbstbestimmtes Leben von Frauen eingesetzt. Sie erkannte, dass Bildung und Beruf dafür Voraussetzung sind.

Stellte Luise Büchner die Ehe grundsätzlich infrage?

Nein, auch nicht die Mutterschaft. Sie hätte schön gefunden, wenn jede Frau heiratet und damit versorgt ist. Doch das war nicht die Realität. Die Verarmung der Gesellschaft traf auch das Bürgertum, was dazu führte, dass viele Mädchen keinen Partner fanden. Damit fehlte ihnen eine Versorgung. Die Väter trieb damals die große Sorge um, ihre Töchter irgendwie unterzubekommen. Mit ihrer Rückenverkrümmung hatte Luise keine Chance, einen Mann zu finden. Auch ihre Schwester Mathilde blieb unverheiratet. Luise Büchner setzte sich dafür ein, dass Frauen ihr eigenes Geld verdienen. Natürlich gab es Mitte des 19. Jahrhunderts viele Arbeiterinnen, die in großem Elend lebten und rund um die Uhr schufteten. Aber Luise Büchner ging es vor allem um die Probleme von Frauen aus bürgerlichen Familien.

Das klingt aus heutiger Sicht nicht sehr radikal …

Nein. Mit Radikalität kamen Frauen damals nicht weiter. Wer radikaler auftrat, wurde auch von der Frauenbewegung abgelehnt. Das ist heute übrigens nicht viel anders, wenn man an die Femen-Proteste in Russland denkt … Aber Luise Büchner gehörte zur ersten Generation von Frauen, die klar äußerten, dass sich etwas ändern muss. Sie war sehr gebildet und hat daran mitgewirkt, dass sich in den 1860er Jahren erstmals eine Frauenbewegung organisierte, mit Konferenzen und Petitionen. Vorher gab es nur einzelne Stimmen.

festival

Vorpremiere der Büchnerbühne: „Nur berühmt“ – Ein Schauspiel von Luise Büchner, behutsam modernisiert und eingerichtet von Christian Suhr. Am Freitag, 11. Juni, um 19 Uhr im Evangelischen Kirchgarten Riedstadt-Leeheim, Klappergasse 6. Zur Teilnahme ist ein Corona-Nachweis über Gesundung, vollständige Impfung oder ein aktueller negativer Test erforderlich.

Geburtstagsfest am Luise Büchner -Denkmal in der Döngesborngasse in Darmstadt am Samstag, 12. Juni, 16 Uhr, mit der fabelhaften Büchnerbande.

Festakt zu Luise Büchners 200. am Samstag, 12. Juni , 19 Uhr: Geburtstag mit Vorstellung der Festschrift im Saal der Orangerie, unter anderem mit Frauendezernentin Barbara Akdeniz (Grüne) und der ehemaligen Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau, Bascha Mika, unter musikalischer Begleitung von Mariane Röhmer-Litzmann. Anmeldung per Email an: info@luise-buechner-gesellschaft.de
Es gelten die aktuellen Corona-Vorschriften.

Luises Lunch – Ein Geburtstagsessen mit Luise Büchner am Sonntag, 13. Juni, 12 Uhr. Schauspielerin Sonja Kargel und Gastronom Thorsten Lettmann von Herzblut und Zinke veranstalten einen Literarischen Lunch zu Luises Ehren. Info: https://herzblut-und-zinke.de/

Rundgang zum Thema „Frauen und ihr Beruf – Unterwegs auf den Spuren von Frauen“ mit Miriam Seel am Sonntag, 13. Juni, 15.30 Uhr. Treffpunkt ist der Ballonplatz (Ecke Alexander / Magdalenenstrasse). Per Email an info@luise-buechner-gesellschaft.de kann man sich anmelden. cka

Worum ging es ihr konkret?

Luise Büchner hat verlangt, dass Mädchen und Jungen die gleiche Schulbildung erhalten. Außerdem sollten Frauen eine qualifizierte Berufsausbildung erhalten und an der Universität studieren dürfen. Gemeinsam mit Prinzessin Alice gründete sie in Darmstadt unter anderem eine Berufsfachschule für Mädchen und eine Volkshochschule für Frauen. Damit hat sie sich weit über Darmstadt hinaus einen Namen gemacht. Wir können kaum nachvollziehen, welche Kraft es damals brauchte, um gegen die Biedermeierstimmung anzugehen. Luise Büchner wurde stark beschimpft. Heute wundern sich die Leute, sagen: ‚War doch alles harmlos.‘ Aber damals nicht. Wir dürfen nicht vergessen, dass nach der Revolution von 1848 Terror herrschte: Frauen war verboten, an politischen Veranstaltungen teilzunehmen.

Warum ist so wichtig, dass wir an Frauen wie Luise Büchner erinnern?

Wir müssen uns immer wieder bewusst machen: Nichts ist selbstverständlich! Und dass Veränderungen möglich sind. Wenn wir die Geschichte nicht kennen, können wir unsere Rolle in der Gesellschaft nicht einordnen. Wichtig ist, die Kontinuität zu sehen. Als Margarete Stokowski den Luise-Büchner-Preis verliehen bekam, sprach sie in ihrer Rede vom Weitermachen: ‚Man macht weiter, was andere angefangen haben.‘ Der Gedanke gefällt mir sehr gut.

Egal ob Denkmäler, Namen von Straßen oder Schulen: In der Mehrheit sind es immer noch Männer, deren Verdienste öffentlich gewürdigt werden. Immerhin wird eine neue Grundschule in der Lincolnsiedlung in Darmstadt jetzt nach Luise Büchner benannt. Tut sich etwas?

Generell werden Frauen immer noch nicht so gewürdigt. Wenn Sie heute bei Wikipedia nach berühmten Söhnen und Töchtern der Städte suchen, finden Sie neben zehn Männern vielleicht eine Frau. Auch die Geschichte der Frauenbewegung wird in der Schule absolut nachlässig behandelt. Dabei gehört sie zu den wichtigsten Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Wir könnten im Geschichtsunterricht ja auch nicht die Arbeiterbewegung einfach weglassen. Wie sollten wir sonst die Gegenwart verstehen?

Was ist zum 200. Geburtstag von Luise Büchner in Darmstadt geplant?

Wegen der Corona-Pandemie laufen die Planungen sehr stockend. Es ist furchtbar. Aktuell planen wir eine Feier unter freiem Himmel am 12. Juni am Denkmal von Luise Büchner. Es gibt Musik, Reden und ein kleines Theaterspiel: Alice gratuliert Luise zum Geburtstag. Dafür habe ich aus ihren Texten eine kurze Szene geschrieben. Zudem ist ein Festakt im Literaturhaus mit Bascha Mika geplant, der ersten Preisträgerin des Luise-Büchner-Preises.

Interview: Kathrin Hedtke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare