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Frau bleibt bei Vergewaltigungs-Vorwurf

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Wegen der Aussage dieser Frau, saß ein Lehrer fünf Jahre unschuldig in Haft.
Wegen der Aussage dieser Frau, saß ein Lehrer fünf Jahre unschuldig in Haft. © dpa

Eine Lehrerin beschuldigt einen Kollegen, sie vergewaltigt zu haben. Obwohl er unschuldig ist, landet er für fünf Jahre im Gefängnis. Erst nach seiner Entlassung wird er rehabilitiert. Jetzt muss sich die 48 Jahre alte Frau wegen Freiheitsberaubung verantworten.

Von Sonja Jordans

Heidi K. presst sich die Hand vor den Mund und unterdrückt ein Schluchzen. Doch genau so schnell, wie sie vom Weinen überfallen wurde, fängt sich die 48-Jährige wieder. Gefasst erzählt sie im großen Saal des Darmstädter Landgerichts ihre Geschichte einer Vergewaltigung, die es wohl nie gegeben hat. Die Geschichte, die einen Mann ins Gefängnis brachte und so sein Leben zerstörte.

Heidi K. muss deshalb zum dritten Mal vor Gericht erscheinen. Diesmal aber ist die Anklagebank der Platz der 48 Jahre alten Ex- Lehrerin, die auch in Bielefeld unterrichtet hatte. Freiheitsberaubung lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Heidi K. soll mit der erfundenen Vergewaltigung ihren Kollegen Horst Arnold für fünf Jahre ins Gefängnis gebracht haben – weil sie ihre Karriere anschieben wollte.

Lehrer stirbt mit 53 Jahren

Im August 2001 sei sie von ihrem damaligen Kollegen im Biologieraum einer Schule im südhessischen Reichelsheim angegriffen und vergewaltigt worden, behauptete K. und zeigte den Kollegen an. 2002 schickte ihn das Landgericht Darmstadt wegen Vergewaltigung für fünf Jahre ins Gefängnis. Er saß die Haft komplett ab. 2011 jedoch entschied das Landgericht Kassel in einem Wiederaufnahmeverfahren: Den Übergriff auf Heidi K. hat Horst Arnold nicht begangen. Die Kammer ging von einer „frei erfundenen Geschichte“ aus, die Heidi K. erzählt habe, und sprach Arnold schließlich frei. Darüber freuen konnte der ehemalige Lehrer sich nicht: Er starb im Sommer 2011 mit 53 Jahren an Herzversagen.

Seit Donnerstag muss sich die inzwischen vom Dienst suspendierte Heidi K. selbst vor Gericht verantworten. Pikant: Das gleiche Gericht, das – allerdings in anderer Zusammensetzung – einst Horst Arnold schuldig sprach, muss nun darüber befinden, ob Heidi K. wegen Freiheitsberaubung zu verurteilen ist. Die Konstellation könnte kaum ungünstiger sein, die Augen der Öffentlichkeit ruhen auf der Kammer. Pressevertreter und Zuschauer drängen sich am Donnerstagmorgen im Gerichtssaal, als die Angeklagte zu ihrem Platz huscht. Mit roter Langhaarperücke, die Augen hinter einer schwarzen Sonnenbrille verborgen, schaut sie sich kurz um. Vielleicht spürt sie die Blicke und die unausgesprochenen Fragen, die wohl alle bewegen: Wer ist die Frau, die eiskalt eine Vergewaltigung erfunden haben soll? Und was sagt sie heute dazu?

Heidi K.s Angaben bleiben ungenau

Nicht viel: Sie bleibt bei ihrer Version. Ruhig und mit leiser Stimme berichtet sie von Jugend, Studium und ihren drei Ehen. Sie habe stets „Gewalt angezogen“. Zig Male wechselte K. ihre Arbeitsstellen, weil immer etwas nicht stimmte. Mal habe man versucht, sie zu vergiften, dann wieder habe man sie gemobbt. Und ihre drei Ehemänner griffen sie an.

Schließlich schildert K. die angebliche Vergewaltigung, und ihre Angaben werden ungenau. Horst Arnold müsste demnach mehr als zwei Arme gehabt haben, um Heidi K. so festgehalten und vergewaltigt zu haben, wie sie es beschreibt. Doch sie fährt fort. An zeitliche Zusammenhänge kann sich die 48-Jährige nicht erinnern. „Ich weiß nicht“, sagt sie dann.

Während es im Zuschauerraum bei diesen Aussagen allmählich unruhig wird, bleibt die Vorsitzende Richterin gelassen. Dennoch schont sie Heidi K. nicht. Immer wieder hakt sie ein, fragt nach und versucht, etwaige Widersprüche aufzudecken. „Das haben wir so noch nicht gehört“, bemerkt die Vorsitzende beim Blick in die Akten. Doch Heidi K. beharrt auf ihren Aussagen.

Der Prozess wird fortgesetzt, angesetzt sind bislang sieben Verhandlungstage.

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