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Flanieren und probieren

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Wenn der Tag geht, knipst die Darmstädter Innenstadt den Romantik-Schalter an. Vor nachtschwarzem Himmel weist der Lange Ludwig in seinem neuen Lichtschnürenkleid den Weg in Richtung Weihnachtsmarkt.

Wenn der Tag geht, knipst die Darmstädter Innenstadt den Romantik-Schalter an. Vor nachtschwarzem Himmel weist der Lange Ludwig in seinem neuen Lichtschnürenkleid den Weg in Richtung Weihnachtsmarkt. Alle Plätze dieses in mehrere Häppchen von Luisenplatz bis Schloss unterteilten Markts sind durch Lichtgirlanden auffällig markiert.

Mit blitzenden Nikolaushüten zieht eine kichernde Mädchengruppe über den Marktplatz. Ihr Ziel ist einer der ungezählten Glühweinstände, an denen sich die Cliquen treffen. Weil zu einem zünftigen Weihnachtsmarkt nun einmal Schnee gehört, schmückt das Motiv des leicht verschneiten Residenzschlosses die Glühweinbecher. Wann war das zum letzten Mal Wirklichkeit?

Glühwein auf Brettern

Der Glühwein, Königsgetränk jedes Weihnachtsmarkts, kostet zwischen 2,20 Euro und 2 Euro und wird warm, aber beileibe nicht heiß ausgeschenkt. Am Weißen Turm lassen sich Weihnachtsmarkt-Flaneure Glühwein oder Schnaps stilvoll auf alten Skibrettern servieren - wie auf der Hütt'n in den Bergen. In die altmodischen und daher ausrangierten Bretter wurden Vertiefungen ausgestanzt, in die jeweils sechs Gläser hineinpassen

Alle Jahre wird auf dem Weihnachtsmarkt unfreiwillig auch an den Afrikaner Patrice Lumumba mit dem scheinbar so lustigen Namen erinnert. Man reduziert den Sozialisten auf das Getränk "Kakao mit Rum und Sahne" - auf nordfriesisch: "Tote Tante". Der Mann, der so genannt wurde und eigentlich Tasumbu Tawosa hieß, war der erste Ministerpräsident des unabhängigen Kongo. Bis zu seiner Ermordung im Jahr 1961 galt er als Staatsfeind Nummer eins der Belgier.

Ist der Durst gestillt, konzentrieren sich die Besucher beim Schlendern durch die Budenstraßen auf die Geschenkvorschläge. Neben Bratpfannen, Gürteln und Taschen haben sich fernöstlicher Tand - das chinesische Horoskop, in Schiefer geritzt - und Wellness-produkte eingenistet. Wie wär's mit einem Traubenkernkissen für Mutti oder einer Ayurvedischen Bauchmassage für die Schwester? Den pädagogischen Wert von Löchern im Käse lernen Kleinkinder durch ein hölzernes Steckspiel kennen. Ein neuer Ausläufer des Darmstädter Weihnachtsmarkts ist in einem von roten Zipfelmützenlampen erhellten Schlossinnenhof zu finden. Dieser Kunsthandwerkermarkt ist reich an Schmuckständen. Für all den Klunker bräuchte Frau mindestens vier Hälse und acht Ohren.

Auch in Griesheim, wo am Wochenende wie in vielen weiteren Gemeinden im Landkreis Weihnachtsmarkt war, gab es eine Neuerung für die Besucher: "Dass wir den Markt hierher in die Altstadt vor die Kulisse restaurierter Fachwerkhäuser verlegt haben, war eine goldrichtige Entscheidung", sagt Bürgermeister Norbert Leber, "hier ist er gut aufgehoben." Der Zuspruch der Griesheimer ist riesig. Vor den knapp 20 Buden von Vereinen auf dem Jean-Bernard-Platz halten sich Hunderte von Besuchern an wärmenden Getränken fest. Auf der Bühne schmettert nach den "Singbären" der Kindertagesstätte St. Gisela der Chor der Schillerschule weihnachtliche Weisen.

Vorweihnachtswelt auch im Weiterstädter Ortsteil Brauns-hardt: Der Mond steht romantisch über dem historischen Rokokoschloss, das von Strahlern in wechselnde Farbtöne getaucht wird. Im Park reihen sich mehr als 50 weiße Pagodenzelte wie Perlen an der Schnur auf. Dort geht es deutlich kommerzieller, exquisiter und auch internationaler zu als in Griesheim. Als Entree des Weihnachtsmarkts verbreitet "Schubecks Check Inn" einen Hauch von Sternegastronomie. Hier gibt´s Crêpes, Reibekuchen, Punsch - und wieder Lumumba.

Schokotaler im Sack

Auf dem Marktplatz des Modautaler Ortsteils Neunkirchen begrüßt Bürgermeister Jörg Lautenschläger die Besucher noch mit Handschlag. Er trägt einen Geldsack bei sich, den ihm zuvor Landrat Klaus Peter Schellhaas überreicht hat. Der hatte mit seinem Nachfolger im Rathaus eine Ablösesumme verabredet, die ihm Schellhaas jetzt in Form schokoladegefüllter Goldtaler überbrachte.

Die Freunde aus der italienischen Partnerstadt Pelago sind mit einem Stand vertreten, an dem sie feinstes Olivenöl und Wein aus dem sonnigen Süden anbieten. Die vier Herren wärmen sich am Espresso, den sie sich mit Hilfe eines kleinen Gaskochers zubereiten. Die Feuerwehr backt Rührei mit Blutwurst. Aus dem nahen Lautertal kommt "Schlumpf-Pipi", ein bläuliches Gesöff. (tim)

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