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Feilschen um jedes Wort

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Peter Gooß ist von der therapeutischen Wirksamkeit seiner Kurzgedichte überzeugt.
Peter Gooß ist von der therapeutischen Wirksamkeit seiner Kurzgedichte überzeugt. © Claus Völker

Peter Gooß packt leidenschaftlich gern Eindrücke in japanische Haiku-Kurzgedichte. Der Eberstädter schwört auf die therapeutische Wirkung der Minimalgedichte, die in Japan eine lange Tradition haben.

Peter Gooß (74) hat sich gerade mit großer Zuversicht beim Veranstalter eines Wettbewerbs um die besten innovativen Therapiemöglichkeiten angemeldet. Der Eberstädter, seit Jahren im Freundeskreis der Partnerstädte Darmstadt engagiert, schwört auf die Wirkung selbst verfasster Haikus.

Das sind ausgetüftelte, auf den ersten Blick schlichte Minimalgedichte, die in Japan eine lange Tradition haben. Leicht, heiter oder lakonisch soll mit Worten ein Augenblick in der fließenden Zeit festgehalten werden, oft ist es eine Naturbeobachtung. Allerdings gibt es einige formale Vorgaben. In drei Zeilen sollen maximal fünf, dann sieben, dann wieder fünf Silben untergebracht werden. Die dritte Zeile enthält einen Denkanstoß.

Bei einem Spaziergang mit Hund Rocky beobachtete Gooß zum Beispiel ein Eichhörnchen, das über Springkraut sprang. Diesen faszinierenden Anblick wollte er gern in Worte übersetzen, und so entstand eines seiner ersten Haikus. Wenn er unterwegs ist, versäumt er nie, sein Handy mitzunehmen, damit er seine Inspirationen gleich eintippen kann. Zuhause feilscht er dann um jedes Wort.

Warum aber sollte Haikuschreiben eine innovative Therapie sein? „Meine Aufmerksamkeit hat sich durch die Haikus stark entwickelt“, erklärt Gooß. Er beobachtet jetzt viel genauer und nimmt Gerüche und Geräusche auch viel stärker wahr. Auch ist das Dichten für ihn ein ideales und kreatives Sprach- und Worttraining.

Damit auch andere von der positiven Wirkung des Haikudichtens erfahren, besucht Gooß Altenheime und Reha-Einrichtungen und versucht, deren Bewohner in kleinen Gruppen für die literarischen Momentaufnahmen zu begeistern. Zwei Bücher, im Selbstverlag herausgegeben, liefern seinen Zuhörern jede Menge Anregungen.

Darin geht es unter anderem um das Alter. Ein Beispiel: Schon ganz schön flott/Rauf zur Ludwigshöhe/Auf drei Beinen. Oder: Mir ist als hätt’ ich/Früher mich nie gebückt/Alles flog mir zu. Gooß sagt: „Wenn mir ein Dreizeiler gelungen ist, strahle ich innerlich. Und meine Glückshormone dürfen arbeiten.“ Damit der Haiku-Einstieg den Neulingen leichter fällt, hat er im letzten Kapitel seines zweiten Büchleins eine Art Zeilen-Puzzle abgedruckt, mit dem dann experimentiert werden darf.

Der selbsternannte Haiku-Botschafter lässt sich einiges einfallen, um die Dreizeiler populär zu machen. Er schrieb einige seiner Texte auf Holztäfelchen und präsentierte sie im Zentrum Eberstadts auf einer Kunstmeile. Außerdem gestaltete er ein Haiku-Wäldchen auf der Marienhöhe. Auch ein Fotobuch und Postkarten mit seinen Kurzgedichten sollen zur Verbreitung seines Hobbys beitragen.

Vielleicht gewinnt Gooß ja auch beim Wettbewerb für innovative Therapien einen Preis. Das wird er uns dann gewiss in Form eines Haikus mitteilen. pyp

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