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Darmstadt Geschichte

Familiengeschichte mit vielen Brüchen

Die jüdische Malerin Anna May-Haas muss vor den Nazis fliehen. In London setzt sie ihre künstlerische Arbeit fort. Jetzt kehrt ein Bild von ihr nach Darmstadt zurück

Wie ist es, wenn man aus Oakland, Kalifornien, nach Darmstadt kommt? „Sehr emotional“, so erlebt Karen Fiss ihren ersten Besuch. „Aber auch verwirrend, glücklich und tragisch.“ Es ist gewiss nicht der Eindruck des Woogs als Ersatz für die San Francisco Bay, der solche Gefühle hervorruft. Sondern das Bewusstsein einer ungewöhnlichen Familiengeschichte mit vielen dramatischen Brüchen, in der Darmstadt eine besondere Rolle spielt. Karen Fiss stammt aus einer alten jüdischen Familie. Jüdin war auch ihre Großmutter Anna Haas, geboren 1887 in Darmstadt als Tochter des Pferdezüchters Leopold Haas und seiner Frau Helene. Im Alter von 20 Jahren ging Anna Haas zum Kunststudium an die École des Beaux-Arts nach Paris, kehrte sieben Jahre später bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach Darmstadt zurück, wo sie als Malerin arbeitete.

Anfang der 20er Jahre heiratete Anna Haas den Komponisten und Dirigenten Siegfried May. Das Paar bekam zwei Töchter, Helga und Gerda. 1938 wurde May nach der Pogromnacht von den Nazis verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert.

Exil in London

Dank der Intervention eines englischen Cousins kam er im Folgejahr frei; die ganze Familie floh daraufhin nach London. In der britischen Hauptstadt setzte Anna May-Haas ihre künstlerische Arbeit fort. Im Besitz von Karen Fiss und ihrer Schwester Naomi befinden sich mehrere Werke aus jenen Jahren. Gleichwohl: Die Heimatstadt wurde vermisst. „Siegfried May war so ein begeisterter Darmstädter“, weiß die frühere Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Gabriella Deppert, „dass er in London versuchte, den Datterich ins Englische zu übersetzen“. Das wahrhaft kühne Unterfangen wurde nach einigen Kapiteln jedoch eingestellt. Immerhin, soviel ist bekannt: Der Datterich sollte „Mr. Porridge“ heißen. Wo ist das Manuskript heute? „Ich habe es“, sagt Karen Fiss zur allgemeinen Überraschung. Vielleicht kann der historische Schatz für Darmstadt also noch gehoben werden.

Datterich wird zu Mr. Porridge

Spätestens jetzt ist es Zeit zu erläutern, wie all diese Fäden zusammenlaufen. Verknüpft hat sie Gabriella Deppert, „eine unerschöpfliche Quelle von Energie und Aktivität“, wie Karen Fiss beschreibt. Deppert war mit einer Tochter der Familie May-Haas befreundet, mit Helga, verheiratete Keller, die als Filmemacherin Karriere machte und in den 50er Jahren nach Israel übersiedelte. Von dieser Verbindung wusste der Galerist Claus Netuschil, der Deppert bat, für seine geplante Ausstellung über vergessene Darmstädter Künstlerinnen ein Bild von Anna May-Haas zu beschaffen. Tatsächlich gelang es der rührigen 78-Jährigen, Kontakt zu zwei Enkelinnen der Malerin aufzunehmen, die in Oakland und San Francisco leben und Bilder ihrer Großmutter besitzen: Karen und Naomi Fiss.

Beide kamen am Sonntag zur Vernissage nach Darmstadt, besuchten auch den Jüdischen Friedhof. Gibt es heute noch Künstler in der Familie? Karen Fiss räumt ein, selbst schon lange kein Bild mehr gemalt zu haben. Die zweifache Mutter organisiert jedoch selbst Kunstausstellungen. Auch als Dozentin für Kulturgeschichte am California College Of The Arts fühlt sie sich ihrer Großmutter nahe. bad

Die Schau „Der weibliche Blick – Vergessene und verschollene Künstlerinnen in Darmstadt 1880-1930“ ist noch bis zum 28. Februar 2014 im Kunst Archiv, Kasinostraße 3, zu sehen.

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