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Erziehermangel verschärft sich: Kitabetreuung mancherorts ungewiss

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Von: Claudia Kabel

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Personalnot auch in Ober-Ramstadt.
Personalnot auch in Ober-Ramstadt. © Claudia Kabel

In vielen Kitas fehlen Fachkräfte und Eltern wissen nicht, ob ihr Kind betreut werden kann. Auch in Mörfelden-Walldorf und Ober-Ramstadt gibt es Probleme.

Der Personalmangel in Kindertagesstätten hat sich in den vergangenen zwölf Monaten nochmals verschärft. Das teilen laut einer aktuellen Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung 84 Prozent der Kitas bundesweit mit. „Schätzungsweise 9000 Kitas haben in Deutschland im zurückliegenden Jahr in über der Hälfte der Zeit in aufsichtspflichtrelevanter Personalunterdeckung gearbeitet“, sagt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). Das seien doppelt so viele Kitas wie ein Jahr zuvor. Das heißt, „diese Einrichtungen konnten den Betrieb im Durchschnitt an mehr als jedem zweiten Tag nur unter Gefährdung der Sicherheit der zu betreuenden Kinder aufrechterhalten.“

Auch die Stadt Mörfelden-Walldorf (Kreis Groß-Gerau) leidet unter dem Personalmangel. Hier bekommen nach den Sommerferien fast 260 Kinder keinen Betreuungsplatz. Für berufstätige Eltern kann das schwierig werden. „Leider erhält nicht jedes Kind zum gewünschten Termin einen Betreuungsplatz“, räumt Erster Stadtrat und Sozialdezernent Karsten Groß (CDU) ein. Die Stadt arbeite intensiv daran, die Situation zu verbessern. Neues Personal soll eingestellt werden. Und um dieses auf dem ausgedünnten Fachkräftemarkt zu gewinnen, will man sich richtig was einfallen lassen. Die Liste der Anreize, die geprüft werden sollen, ist lang und reicht vom zugesicherten Betreuungsplatz für den eigenen Sprössling über regelmäßig frisches Obst und kostenloses Trinkwasser bis zu übertariflichen Zulagen und Sport- und Gesundheitsangeboten.

Im zweiten Halbjahr soll ein gemeinsames Forum zwischen Stadt- und Kreisverwaltung sowie sämtliche Kita-Leitungen und Elternvertreter:innen stattfinden. Auch die Eltern auf der Wartelisten sollen beteiligt werden. Ziel ist es laut einer städtischen Mitteilung, die Betreuungssituation, aber auch das pädagogische Angebot zu verbessern: „Wir wollen alle Möglichkeiten ausschöpfen, die wir haben“, sagt Groß. Kinderbetreuung habe oberste Priorität. Es sollten deshalb auch kreative Wege und Lösungen mit den verschiedenen Gruppen und Institutionen gesucht werden.

Grund für den Personalmangel ist laut einem Bericht der Stadt, dass einerseits die Nachfrage nach Kinderbetreuung immer weiter steigt, zum anderen Kräfte wegfallen, die in Rente gehen sowie die allgemeine Fluktuation. Aber vor allem liegt es am Fachkräftemangel im Erziehungsbereich.

Personalmanegl

Rund 230 000 Erzieherinnen und Erzieher fehlen laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung in den kommenden Jahren bundesweit in Krippen, Kindergärten und Horten.

In Hessen fehlen 2000 Personen.

Zur Deckung dieses Personalbedarfs müssten die bis 2030 prognostizierten Neuzugänge zusätzlich um zehn Prozent erhöht werden.

Eine Fachkraft betreut in Hessen mehr Kinder als in anderen Bundesländern. Laut Bertelsmann-Bildungsradar ist der Personalschlüssel in allen Gruppentypen schlechter als der westdeutsche Durchschnitt. Um ihn bis 2030 anzugleichen, müssten die erwarteten Neuzugänge zusätzlich um fast 47 Prozent erhöht werden.

Das pädagogische Personal in Kitas ist in Hessen zwischen 2011 und 2020 gestiegen: um 46 Prozent auf 51 099 Tätige. Die Zahl des Hortpersonals (U3) ist hingegen in diesem Zeitraum gesunken, und zwar von 2635 auf 2481 Personen. cka

Tatsächlich sei die Anzahl aller Mitarbeiter:innen in den vergangenen Jahren stetig angestiegen. Von 2021 auf 2022 sei allerdings ein leichter Rückgang bei den pädagogischen Fachkräften zu verzeichnen. Dies beruhe auf Renteneintritten und allgemeiner Fluktuation, vor allem aber darauf, dass schlicht Fachkräfte im Erziehungsbereich fehlen. Hier spielt auch die Corona-Pandemie eine Rolle. Denn in manchen Kitas sind die Betreuungskräfte am Limit.

Das bekommen auch private Träger wie zum Beispiel die Nieder-Ramstädter Diakonie (NRD) zu spüren. In Ober-Ramstadt (Landkreis Darmstadt-Dieburg) betreibt sie unter anderem die Kita am Miag Park. Dort haben vor einiger Zeit die Eltern Alarm geschlagen, weil mindesten zehn Erzieher:innen langzeitabwesend seien und weitere angekündigt hätten die Kita verlassen zu wollen.

Der Träger sah sich gezwungen die Betreuungszeiten einzuschränken. Seit Mai werden die Kinder nur noch von 9 bis 14.30 Uhr betreut, statt von 7 bis 17 Uhr, wie bisher. „Die Eltern traf diese drastische Einschränkung vollkommen unvorbereitet“, heißt es in einem Schreiben der Eltern an die Presse. Die Einschränkung stelle viele der Eltern vor enorme Probleme. Eine derzeit auf Arbeitssuche befindliche Mutter berichtete, dass sie mit der Ungewissheit keine Chance auf einen neuen Job habe. Aber das interessiere das Druck machende Arbeitsamt wenig. Eine andere Mutter, die als Selbstständige arbeite, nehme angesichts der ungewissen Situation keine neuen Aufträge mehr an. Noch würden die meisten Arbeitgeber Verständnis für die Situation zeigen und sogar akzeptieren, dass Kinder mit zur Arbeit genommen werden. „Doch wie soll es weitergehen, wenn sich die Situation verschärft?“, fragen die verzweifelten Eltern.

Die Verantwortlichen haben angekündigt, einen Neustart hinzulegen. Denn nicht nur die Belastungen durch die Pandemie haben zu dem Engpass geführt, sondern auch ein Wechsel in der Leitung, der „nicht glücklich“ gewesen sei, wie Nicole Steigler, Leiterin des Geschäftsbereichs Kinder, Jugend und Familie und Arne Kirchner, NRD-Leiter des Fachbereichs Kita, der FR sagt. Über die Problematik sei man erst verspätet informiert worden. Es sei leider der Eindruck entstanden, der Träger tue nichts. Man habe jedoch inzwischen viele kleine Schritte getan, um ein neues Konzept zu entwickeln, das die beiden Bereiche für U3- und Ü3-Betreuung neu organisiert. Nach den Sommerferien soll demnach eine inhaltliche und strukturelle Neuausrichtung mit einer eigenen Leitung und dem Aufbau neuer Teams erfolgen.

Im Fokus steht aber auch hier, die Suche nach neuem Personal, das in der Region schwer zu finden sei. Man arbeite dafür auch mit der Stadt zusammen.

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