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Erwachsene lernen lesen

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Vielen Menschen fällt es schwer, zuzugeben, dass sie nicht lesen können. (Symbolbild)
Vielen Menschen fällt es schwer, zuzugeben, dass sie nicht lesen können. (Symbolbild) © Michael Schick

In Darmstadt leben geschätzt 11.000 Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Das Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft bietet seit 2011 Kurse für Analphabeten an. Doch für viele ist Analphabetismus immer noch ein Tabuthema.

Elftausend Darmstädter können nicht richtig lesen und schreiben, schätzt das Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft – und tut etwas dagegen: Seit 2011 besuchen Analphabeten die Lese-, Schreib- und Rechenwerkstätten, im Stadtteil Eberstadt.

Projekt Chancengleichheit

Dort liegt auch eine der Wurzeln der Lesewerkstätten. „Hier haben wir bemerkt: Jugendliche mit oder ohne Hauptschulabschluss haben große Schwierigkeiten, Texte zu lesen. Daher haben wir beschlossen, in dieses Feld reinzugehen“, berichtet Rolf Klatta, Regionalleiter Südhessen beim Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft. Das tat das Bildungswerk 2008 mit dem Projekt Chancengleichheit, einem Vorläufer der seit 2011 von der Stadt finanzierten – und daher für die Betroffenen kostenlosen – Lesewerkstätten. Dazu kam eine zweite Beobachtung der Bildungsexperten: Arbeitslose, die rund die Hälfte der Analphabeten ausmachen, profitieren gar nicht richtig von der Hilfe des Jobcenters, wenn die Lesefähigkeit fehlt.

Fahrplan ist ein Problem

Wenn selbst Kalender, Fahrpläne, Beipackzettel oder Beschriftungen auf Lebensmitteln ein Problem sind, ist an Bewerbungsschreiben nicht zu denken. „Wer zwei fortlaufende Sätze nicht sinnentnehmend lesen oder schreiben kann, der zählt zu den funktionalen Analphabeten“, sagt Eugen Breining, Projektmitarbeiter für Eberstadt. Er fügt hinzu: „Name und eigene Adresse, das geht bei den meisten, das ist ja geübt. Aber darüber hinaus wird es schwierig.“ Mit drastischen Folgen, auch am Arbeitsplatz: Klatta berichtet von einem Handwerker, der sich dazu gezwungen sah, stets neue Strategien zu entwickeln – von Ausreden, dass die Brille vergessen worden sei übers Mitnehmen von Schreibarbeit vom Arbeitsplatz nach Hause, wo Kinder oder Ehefrau einspringen konnten, bis zum Abschreiben einzelner Wörter vom Smartphone.

Analphabetismus ist noch immer ein Tabuthema für viele. Sie fahren daher für ihre Kurse bewusst in ein anderes Stadtviertel. „Dabei hat Analphabetismus nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun“, erläutert Breining. Die Gründe liegen meist in der eigenen Biografie: in Erfahrungen, die im Elternhaus und der Schule gemacht wurden – oder eben nicht. Im Umkehrschluss heißt das: Lesen und Schreiben kann jeder lernen, auch im Erwachsenenalter. Zwischen 20 und 30 Darmstädter tun dies derzeit in den Lesewerkstätten.

Kinder motivieren

„Die Motivation kommt oft dann, wenn die eigenen Kinder in die Schule gehen“, schildert Projektmitarbeitern Gudrun Freund. „Die Eltern wollen ihnen helfen.“ Aber auch ganz praktische Wünsche für Alltag und Beruf motivieren, sich an eine der Werkstätten zu wenden. In Eberstadt soll sich neben dem zweimal pro Woche stattfindenden Kurs im Kreativhof an der Grenzallee auch im „Go In“ im Süden des Darmstädter Stadtteils dem Lesen-lernen gewidmet werden. Traditionell werden junge Erwachsene beim Übergang von der Schule in den Beruf dort beraten. Dass mehr Menschen das Angebot nutzen, wünschen sich alle Beteiligten. Mund-zu-Mund-Propaganda sei hierfür der Schlüssel, so Klatta. ers

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