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Ein Wolf wurde am 7. Oktober im Fischbachtal (Landkreis Darmstadt-Dieburg) fotografiert.

Darmstadt-Dieburg

Wolf in Darmstadt-Dieburg: Drittes Tier aus den Alpen in Hessen gesichtet

  • Claudia Kabel
    vonClaudia Kabel
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Ein Wolf reißt in Ober-Ramstadt ein Reh, in Fischbachtal geht einer in eine Kamerafalle. Wolfsberaterin Raina Kessler berichtet von ihrer Arbeit.

„Gerade wurde wieder der Kadaver eines Rehs in Fischbachtal gefunden“, sagt Wolfsberaterin Raina Kessler. Ob das Reh von demselben Wolf gerissen wurde, der kürzlich in der Nähe mitten im Wald fotografiert wurde, ist ungewiss. Denn der Rehkadaver sei zu verwest gewesen, um eine Probe zu nehmen, was innerhalb von 48 Stunden passieren müsse, erläutert Kessler.

Wolf in Fischbachtal: Echtheit der Aufnahme bestätigt

Immer wenn ein gerissenes Reh oder Schaf gefunden wird, Kothaufen entdeckt werden oder Fußspuren auf einen Wolf hinweisen, werden Kessler oder ihr Kollege Karlheinz Kinzer gerufen. Die beiden ehrenamtlichen Wolfsberater des Odenwaldkreises wurden dafür ausgebildet, die Anzeichen für ein Wolfsvorkommen zu dokumentieren und Proben zu nehmen – alles im Auftrag des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG). Insgesamt gibt es 40 ehrenamtliche Wolfsberater:innen hessenweit. Bei Bedarf helfen Kinzer und Kessler auch im benachbarten Landkreis Darmstadt-Dieburg aus.

So hat Kessler jetzt auch die Echtheit der Aufnahme eines Wolfs in Fischbachtal bestätigt. Dort ging am 7. Oktober um 0.26 Uhr zwischen Fränkisch-Crumbach und Niedernhausen ein Wolf in die Kamerafalle eines Jagdpächters. „Wir haben überprüft, ob das Bild wirklich an der angegebenen Stelle aufgenommen wurde“, sagt die 58-Jährige der Frankfurter Rundschau. Zum Vergleich schieße man in der Regel ein Foto aus derselben Perspektive. Als Anhaltspunkte dienten Äste, Bäume oder Steine, die zu sehen seien.

Eine Woche zuvor, am 30. September, hatte in Ober-Modau, einem Stadtteil von Ober-Ramstadt bei Darmstadt, ein Wolf ein Reh gerissen. Eine DNA-Analyse der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung ergab, dass das Tier aus einer Wolfspopulation aus den Alpen stammt und bisher noch nie in Deutschland nachgewiesen worden ist. Wie das HLNUG weiter mitteilte, bekam der Wolf die Kennung GW1835m. Ein Herkunftsrudel des Rüden habe nicht ermittelt werden können.

Spuren von Wölfen

51-mal wurden Wölfe in diesem Jahr durch Fotos oder Genanalysen in Hessen nachgewiesen. Zwei Wölfe gelten als sesshaft – im Vogelsberg und in Nordhessen.

68 Verdachtsfälle konnten nicht bestätigt werden oder wurden Hunden oder Füchsen zugeordnet. In fünf Fällen im Schwalm-Eder-Kreis sowie in den Kreisen Marburg-Biedenkopf und Hersfeld-Rotenburg stehen die Ergebnisse der Genanalysen noch aus.

Das HLNUG informiert über alle Wolfsvorkommen und Verdachtsfälle

Es ist der dritte Nachweis eines Wolfs aus der Alpenpopulation in Hessen. Bis auf einen 2011 im Raum Gießen überfahrenen Rüden sowie das Tier, das im Mai Schafe in Lautertal (Kreis Bergstraße) gerissen habe, seien alle bisher in Hessen nachgewiesenen Wölfe aus den nördlichen und östlichen Bundesländern gekommen, so das HLNUG.

Wölfe dringen weiter in den Landkreis Darmstadt-Dieburg vor

Ungeklärt bleibt, ob GW1835m dasselbe Tier ist, das in Fischbachtal fotografiert wurde. Dies „kann anhand eines Fotos nicht ermittelt werden“, sagte die hessische Wolfsbeauftragte Susanne Jokisch auf Anfrage. Kessler vermutet, dass es sich bei den jetzigen Fällen um die beiden im April bei Reichelsheim im Odenwald über Fotoaufnahmen nachgewiesenen Wölfe handeln könnte, die nun weiter in den Landkreis Darmstadt-Dieburg vorgedrungen seien. Ein Wolf lege am Tag eine Strecke von bis zu 70 Kilometern zurück. Ob der Wolf sich in der Region halte, sei fraglich. „Hoffentlich wird er nicht überfahren“, sagt Kessler. Es gebe viele Straßen und die Tiere nutzten diese sowie Bahnstrecken und Wege gerne, sagt Kessler. Auch würden sie quer durch Dörfer laufen. Wichtig sei, sie nicht durch Futter oder Essensreste anzulocken.

Kessler, die Försterin ist, sieht sich oft genug bei ihrer Tätigkeit als Wolfsberaterin Anfeindungen gegenüber. „Man wird auch mal beschimpft, wenn man einen Tatort aufsucht“, sagt sie. Der größte Gegenwind käme von Schaf- und Ziegenhaltern, die um ihr Vieh fürchteten. Tatsächlich sei es „kein schöner Anblick“, wenn ein Wolf ein Schaf gerissen habe. Auch in der Jägerschaft gebe es „Wolfshasser“. Doch sei der Abschuss der geschützten Tiere verboten und stelle einen Straftatbestand dar.

Der Wolf ist in Hessen willkommen“, verkündet das Umweltministerium auf seiner Website, wo es auch einen Meldebogen für Sichtungen und Informationen über Entschädigungen für Tierhalter gibt. Seit 2006 finden sich in Hessen immer wieder einzelne durchziehende Wölfe ein, ohne dass sie ausgesetzt, angelockt oder angesiedelt worden sind. Zwei Wölfe – in Nordhessen und im Vogelsbergkreis – gelten seit dem Frühjahr als sesshaft, sie wurden über ein halbes Jahr in einer Region nachgewiesen.

Da viele Belege für Wolfsvorkommen über Fotos stattfinden, ist man in Südhessen auf private Aufnahmen angewiesen. Während in Nordhessen in einem Projekt 60 Kamerafallen betrieben würden, betreibe das HLNUG in Südhessen bisher keinen einzigen eigenen Kamerastandort, sagt Jokisch.

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