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Endlich ein Zuhause

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Sie wünschen sich einen Job und müssen die Sesshaftigkeit erst noch lernen: Nach überwundener Obdachlosigkeit schmieden zwei Betroffene wieder Pläne.

Plötzlich kein Dach mehr über dem Kopf: Diesen Schock erlebten – unabhängig voneinander – eine dreifache Mutter und ein arbeitsloser Fernfahrer. Beide haben inzwischen dank städtischer Hilfe wieder eine Bleibe. Doch es war nicht leicht, aus der Obdachlosigkeit herauszukommen.

Eine Holztreppe führt in den zweiten Stock eines Altbaus im Martinsviertel, zum neuen Zuhause von Monika Kroll (39). Als sie die 78 Quadratmeter große Drei-Zimmer-Wohnung das erste Mal sah, weinte sie vor Freude. Sie kam ihr vor wie ein Palast. Nach zermürbender Wohnungssuche durfte sie dort im September mit ihren beiden Söhnen, 18 und zwei Jahre alt, und ihren Katzen einziehen.

Monika Kroll ist Metzgereifachverkäuferin und hat 23 Jahre in ihrem Beruf gearbeitet. Der soziale Abstieg begann 2009, als sich ihr Mann von ihr trennte und auszog. Mit ihrem geringen Einkommen konnte sie die Miete für die Vier-Zimmer-Wohnung nicht mehr bezahlen. Ihre Schulden summierten sich in neun Monaten auf 10?000 Euro. Mit beiden Söhnen zog sie zu ihrem Freund, dem Vater ihres dritten Kindes, in den Taunus. Doch auch dieser Traum zerplatzte. „Mit nichts als den Klamotten auf dem Leib“ und den Kindern habe sie die Wohnung ihres Partners verlassen müssen. In der vom Verein Horizont betreuten Gemeinschaftsunterkunft in der Nieder-Ramstädter Straße, die vom Darmstädter Amt für Soziales und Prävention belegt wird, fand sie mit ihrem ältesten und jüngsten Sohn schließlich eine Bleibe.

Sechs Monate dauerte es, bis ihr die städtische Wohnung im Martinsviertel angeboten wurde – wohl das schönste Geschenk, das ihr das Jahr 2012 beschert hat. Das Sozialamt bezahlte die Einrichtung, die sie sich in Billigmöbelhäusern zusammensuchte. Jetzt schmiedet sie Pläne für die Zukunft: Sobald ihr kleiner Sohn in den Kindergarten kommt, will sie halbtags in einem Supermarkt arbeiten und nach und nach ihre Schulden abbezahlen.

Auch Rudi Schmitt (54, Name geändert), gelernter Bürokaufmann und Bezieher von Arbeitslosengeld II, hat im Martinsviertel eine Wohnung gefunden. 47 Quadratmeter, erster Stock, Hinterhaus. Bescheiden, aber der Garant für ein besseres Leben.

Der schmale, schwarzhaarige Brillenträger betont immer wieder, dass er einen Job braucht, „damit das Betteln bei den Ämtern endlich aufhört“. In seinen früheren Beruf als Lkw-Fahrer will er aber nicht mehr zurück. Nach geglückter Probezeit war ihm ein Job als Schulhausmeister in Aussicht gestellt worden. Dann wurde die Stelle eingespart. Er hofft, im neuen Jahr mehr Glück zu haben.

Als der Fernfahrer 2003 die Miete für seine Frankfurter Wohnung nicht mehr bezahlen konnte, kaufte er sich ein Zelt, ein Rad und einen Wecker. Er schlief im Zelt, radelte morgens zur Arbeit und drehte erst mal die Heizung im Laster auf, um seine Hände zu wärmen. Über ein Jahr, zwei Winter lang, hat der 54-Jährige im Freien geschlafen.

Nach Darmstadt kam er 2008. Dort wohnt sein Bruder, dem er aber nicht auf der Tasche liegen will. Eine Zeit lang half Rudi Schmitt in der Teestube Konkret für Obdachlose in der Fahrradwerkstatt aus und unterstützte die Koch-Mannschaft.

Schmitt ist häuslich geworden und dünnhäutig. Oft fühlt er sich von Behörden und Institutionen ungerecht behandelt. Und so kämpft er an vielen Fronten – zur Zeit gegen Mahngebühren, die ihm die Entega aufgebrummt hat. Hinzu kommt eine überteuerte Stromrechnung, die er nicht bezahlen will und kann, weil an seiner Stromuhr noch andere Mietparteien hängen. Was er sich für 2013 wünscht? „Meine Ruhe finden und endlich wieder Arbeit haben. Ich weiß, dass ich wieder auf die Beine kommen kann.“ (pyp.)

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