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Eintauchen in alte Zeiten

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Von: Boris Halva

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Lachen, planschen, strenge Durchsagen? Freibadleben hat hier schon lange nicht getobt. boris halva (5)
Lachen, planschen, strenge Durchsagen? Freibadleben hat hier schon lange nicht getobt. boris halva (5) © Boris Halva

Acht Jahre war das Freibad Pfungstadt zu, nun beginnt der Umbau. Unser Autor hat dort als Kind seine Sommer verbracht – und durfte sich noch mal umsehen, bevor die Bagger anrollen

Die Zeit ist nicht überall im selben Moment stehengeblieben. Auf der Uhr über der Erste-Hilfe-Station am Außenbecken ist es kurz nach vier. Aber drinnen am Kiosk, wo es „Heiße Hexe“-Burger gab, unten am Eingang zum „textilfreien Bereich“ und auch in den Umkleiden, deren Wände so orangefarben leuchten, als wäre es 1986, muss der Strom an einem anderen Tag abgestellt worden sein. Hier ist es Viertel nach elf.

Das letzte Mal habe ich hier etwa vor zwölf Jahren auf die Uhr geschaut. Meine Kinder waren nicht mehr ganz klein, das Wasser im Nichtschwimmerbecken wohlig warm und wenn im großen Becken die Wellen losrollten, ließen wir uns richtig durchwaschen. Es war nie so, wie von echter Brandung an den Strand gespült zu werden; die Pfungstädter Wellen waren trotzdem etwas Besonderes. Als Kind waren sie ein Mysterium: Wo kamen sie her und wie wurden sie gemacht? Noch als Erwachsener durchfuhren mich Glücksschauer, weil mit jeder Welle ein Moment Kindheit heranschwappte.

Und später, wenn ich den Kindern vorm Rausgehen die Haare föhnte, während sie mit roten Wangen und leicht geröteten Augen durch die bräunlich getönten Scheiben in die heilige Schwimmhalle lugten, fühlte ich mich immer irgendwie andächtig. Vielleicht war ich auch einfach nur sentimental.

Die Nachricht von der Schließung des Bads Anfang 2014 traf nicht nur mich aus heiterem Hallenbadhimmel. Den meisten der 135 310 Menschen, die im Jahr 2013 im Pfungstädter Bad ihre Bahnen gezogen und Sommertage durchgeplanscht haben, dürfte es so gegangen sein. Brandschutz, hieß es. Dem damals neu gewählten Bürgermeister war es wohl zu heikel, darauf zu vertrauen, dass es mit den Mängeln – vor allem im Technikbereich – weiterhin irgendwie gutgehen würde. Da spielte es auch keine Rolle, dass kurz zuvor der Sauna- und Wellnessbereich für viel Geld erweitert worden war. Am 30. Januar 2014 wurde zum letzten Mal der Badeschluss ausgerufen.

Spätsommer 2022: Auf meiner Uhr ist es halb zehn, der nette Herr von der Stadtverwaltung, der mich eingelassen hat, hebt die Hand zum Gruß, bevor er in seinem E-Auto davonsurrt. Drei Stunden haben wir vereinbart, wenn ich länger bleiben wolle: „kein Problem“. Ich gehe einfach drauf los, erst mal oben ins Hallenbad. Dann raus ins Freibad, wo überall Birken aus den Fugen schießen und Frösche im grünlichen Wasser umherschwimmen. Dann runter in den Keller, in den Technikbereich unter dem Bad, wo alles nach Kraftwerk, nach großem Organismus aussieht.

Das Hallenbad war mir als Kind schon groß vorgekommen, aber jetzt, nach acht Jahren Winterschlaf, wirkt es noch größer. Weit und leer. Eine tiefe Müdigkeit hängt an den Wänden, sammelt sich in den Ecken. Aus den Wandbildern im Treppenaufgang sind einzelne Fliesen herausgebrochen worden, im Aufsichtsbereich im Hallenbad liegen Zeitschriften vom Dezember 2013, in einem der hinteren Räume ein Berg Badelatschen und Klamotten, obendrauf ein T-Shirt mit der Aufschrift „Aufsicht“. Als wäre das Leben ein Standbild.

Seit Jahren nagt nicht nur der Zahn der Zeit an Technik und Interieur, auch Menschen legen immer wieder Hand an, reißen raus oder schmeißen hin, brechen was ab oder schneiden was durch. Draußen vorm Eingang hat jemand den bananenkistengroßen Betonblock mit den Jahreszahlen der Bauzeit abgestemmt, der Teil mit „1976-1978“ liegt auf dem Boden. Konnte mich nicht erinnern, dass wir – also das Bad und ich – im selben Jahr, nun ja, geboren wurden.

Neun Jahre ist hier, von außen betrachtet, nicht viel passiert. Aber im Hintergrund, auf der Verwaltungsebene sei „eine ganze Menge“ passiert, sagt die zuständige Mitarbeiterin der Stadt Pfungstadt. 2016 wurde ein erstes Konzept der Stadt vorgestellt, 2017 ein runder Tisch „Schwimmbad“ eingerichtet, der im März 2018 eine Definition der Anforderungen für ein neues Bad vorlegte, auf deren Basis wiederum ein „Interessensbekundungsverfahren durchgeführt“ wurde. 2019 stand das Konzept, kam aber kurz ins Wanken, als das Gelände als neuer Brauereistandort ins Gespräch kam.

Im Herbst 2020 schließlich bestätigt eine Umfrage das Konzept des runden Tischs. Der Um- und Neubau wird mit 23 Millionen Euro veranschlagt – das 1978 eröffnete Wellen- und Freibad hatte damals 22 Millionen D-Mark gekostet, was heute etwa 28,4 Millionen Euro entspricht. Mit Schwimmbädern lässt sich ohnehin kein Geld verdienen, im Gegenteil, aber das neue Bad wird laut Mitteilung der Stadt „das Beste sein, was man mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen errichten kann“.

Inzwischen nagt nicht mehr nur der Zahn der Zeit an Wand und Schrank. Auch Bagger nagen mit, fressen sich durch die Fassade. Wo einst die Nena-Bar war, steht nur noch ein Betongerippe. Wenn die Bautrupps dereinst weiterziehen, soll hier im Jahr 2025 ein Kombibad eröffnet werden: ein Hallenbad, dessen Fensterfront im Sommer geöffnet werden kann, eine Art Cabrio zum Schwimmen. Auch in der Sauna soll wieder eingeheizt werden.

Die Zeit war hier ohnehin nie stehengeblieben. Aber es ist eine schöne Aussicht, dass hier eines Tages wieder Arschbomben klatschen, strenge Durchsagen gemacht und Pommes ausgerufen werden. Dass das Leben weitergeht und – auch wenn die Uhren dann wieder laufen – so manches Kind die Zeit vergessen kann.

Als könnte der Betrieb morgen weitergehen. Aber auch in der Schwimmhalle gilt: ohne Wasser kein Leben.
Als könnte der Betrieb morgen weitergehen. Aber auch in der Schwimmhalle gilt: ohne Wasser kein Leben. © Boris Halva
Im Becken unterm Becken: Hier stand das überschüssige Wasser, bis die Wellenphase vorbei war – dann wurde es wieder hochgepumpt.
Im Becken unterm Becken: Hier stand das überschüssige Wasser, bis die Wellenphase vorbei war – dann wurde es wieder hochgepumpt. © Boris Halva
Anfang und Ende eines jeden Besuchs: die Umkleide.
Anfang und Ende eines jeden Besuchs: die Umkleide. © Boris Halva
Spätestens dieses Foto zeigt: Das Bad war ein lost place.
Spätestens dieses Foto zeigt: Das Bad war ein lost place. © Boris Halva
Hitler, Sexappeal von Schlagerstars und alte Traktoren: alles zeitlose Themen.
Hitler, Sexappeal von Schlagerstars und alte Traktoren: alles zeitlose Themen. © Boris Halva
Vor allem im Technikbereich unter dem Schwimmbad soll der Brandschutz nicht ausreichend gewesen sein.
Vor allem im Technikbereich unter dem Schwimmbad soll der Brandschutz nicht ausreichend gewesen sein. © Boris Halva
Auf einem anderen Schild wird darauf hingewiesen, dass die Festplatte erst nach fünf Jahren voll ist...
Auf einem anderen Schild wird darauf hingewiesen, dass die Festplatte erst nach fünf Jahren voll ist... © Boris Halva
„Achtung, liebe Badegäste. In 30 Minuten ist Badeschluss!“
„Achtung, liebe Badegäste. In 30 Minuten ist Badeschluss!“ © Boris Halva
Das Fliesenkunstwerk soll im neuen Gebäude wieder einen Platz bekommen.
Das Fliesenkunstwerk soll im neuen Gebäude wieder einen Platz bekommen. © Boris Halva

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