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Einst Ruine, heute Schmuckstück

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Laut Denkmalschutz ist die Restaurierung des 150 Quadratmeter großen Hauses vorbildlich gelungen.
Laut Denkmalschutz ist die Restaurierung des 150 Quadratmeter großen Hauses vorbildlich gelungen. © Guido Schiek

Karl-Ludwig Bödeker hat in Bessungen ein 300 Jahre altes Fachwerkhaus saniert.

Der Blick aus dem Fenster war schuld. Karl-Ludwig Bödeker und seine Familie wohnten damals im Nachbarhaus, im zweiten Stock über der Metzgerei in der Bessunger Straße. Von dem kleinen Fenster seiner Wohnung aus konnte der junge Architekt jeden Tag auf dieses alte, fast verfallene Fachwerkhaus mit dem kleinen Grundstück blicken. Das Dach war geflickt, die Fenster kaputt, die Mauern schief und bröselig. Eine Dachdeckerfirma nutze es als Lager, „doch eigentlich war es nur mehr eine Ruine“, erinnert sich der Familienvater.

Fotografien von damals geben ihm recht. Der Zustand war miserabel und hätte wohl jeden anderen abgeschreckt – nicht aber Karl-Ludwig Bödeker. Er erkannte den städtebaulichen Wert dieses kleinen, schon damals denkmalgeschützten Hauses und was sich daraus machen ließe.

Bödeker war nach dem Krieg mit seiner Familie nach Darmstadt gekommen, hatte an der Technischen Hochschule Architektur studiert, in einer WG im Johannesviertel gelebt. Er mochte Darmstadt und vor allem Bessungen, wo er später mit seiner jungen Familie hinzog. Als sich vor 30 Jahren die Möglichkeit ergab, die Fachwerk-Ruine in Erbpacht zu kaufen, griff er zu.

Viel Liebe zum Detail

In den Jahren 1986, 1987 begannen er und seine Frau Ursula mit ersten Aufräumarbeiten. 1990 zog die Familie ein. Über zweieinhalb Jahre sanierten und renovierten die Bödekers das barocke Fachwerkhaus, das 1719 erbaut worden war. Sie legten die geschweiften Eichenbalken des kunstvollen Zierfachwerks frei, ersetzten die Felder zwischen den Balken, ließen neue, passende Sprossenfenster einbauen, und das Dach erhielt wieder die ziegelfarbenen Bieberschwänze.

Mit überschüssigen Bruchsteinen aus dem Haus errichtete Bödeker eine Mauer um den Garten. Eine historische Haustür fand er in der Pfalz, die alten Sandsteinstufen am Eingang entdeckte er bei Umbauarbeiten des Schwanensaals in Eberstadt und baute sie bei sich daheim ein.

Die Spülsteine im Hausinnern – es gab außer einer Außentoilette kein Bad im Gebäude – wurden zu Brunnenbecken und Pflanz-kübeln im Garten umfunktioniert. Selbst die Farbe der Eichenbalken stimmt mit dem vor 300 Jahren gewählten Farbton überein. „Reste davon haben wir damals unter dem First gefunden und sie analysieren lassen.“

Vorbildlich, wie der Denkmalschutz bescheinigte, restaurierten die Bödekers ihren Fachwerkschatz. Der frühere Denkmalschützer und heutige Koordinator für die Mathildenhöhe, Nikolaus Heiss, lobt den „Mut und das Engagement, sich in ein solches Abenteuer zu stürzen“. Das Fachwerkhaus sei als eines der wenigen in Darmstadt sehr authentisch erhalten.

Klein, windschief, urig ist das rund 150 Quadratmeter große Häuschen daher auch im Innern geblieben. Kein Balken, keine Wand ist gerade, keine Diele eben. „Das Haus hat sich von Nordost nach Südwest um rund 35 Zentimeter im Laufe der Jahrhunderte gesetzt“, berichtet der Hausherr. Folglich gibt es überall kleine Stufen und Absätze.

Die Stiege in den ersten und zweiten Stock ließ er nicht durch moderne Treppen ersetzen, sondern restaurieren. Das hölzerne, verzierte Geländer stammt aus dem Haus seiner Großeltern nahe Hannover. In einem der Lehmgefache des Wohnzimmers sind noch die ursprünglichen, Jahrhunderte alten Originalfarben in grau, rot und schwarz zu sehen.

Heute ist Bödeker 72 Jahre alt, und auch das Fachwerkhaus ist wieder in die Jahre gekommen. „Ich müsste mal wieder sanieren“, sagt er und schaut kritisch auf die Wetterschenkel der Holzfenster. Doch die Gesundheit spielt nicht mehr mit wie einst. Schließlich sind er und das Haus zusammen fast 370 Jahre alt. (alu)

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