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Einsatztraining in Darmstadt: Polizei übt an moderner Schießanlage

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Von: Claudia Kabel

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Polizist:innen üben auf dem Schießstand mit der Pistole und dem G38.
Polizist:innen üben auf dem Schießstand mit der Pistole und dem G38. © Peter Jülich

Das Polizeipräsidium Südhessen hat sein Schieß- und Einsatztraining umstrukturiert. Geübt wird in einer der modernsten Anlagen Europas.

Wo früher die Pferde der Reiterstaffel untergebracht waren, steht heute eine von Europas modernsten Raumschießanlagen. Das futuristische Gebäude hinter dem Polizeipräsidium Darmstadt in der Klappacher Straße wurde im Mai 2020 in Betrieb genommen – wegen der Corona-Pandemie fiel eine offizielle Eröffnung aus.

Von außen ist nicht zu hören, dass an diesem Morgen zwölf Polizeibeamtinnen und -beamte im Innern lernen, mit dem neuen Gewehr G 38, einer Mitteldistanzwaffe, umzugehen. Die hessische Polizei wird damit seit 2019 flächendeckend ausgerüstet. Das Gewehr verfügt über eine größere Reichweite und eine bessere Durchschlagskraft als bisherige Waffen. Von den 1200 Wechselschichtbeamten in Südhessen muss „ein Teil daran noch ausgebildet werden, andere müssen durch regelmäßiges Training ihre Schießfertigkeiten aufrechterhalten“, erklärt der südhessische Polizeipräsident Björn Gutzeit beim Besuch der Frankfurter Rundschau in der Anlage.

Schießtraining in Darmstadt: Wann darf ich schießen?

Auf den beiden 25 Meter langen Schießbahnen lernen gerade zwölf Polizist:innen in einem dreitägigen Seminar nicht nur den Umgang mit dem neuen Gewehr auf verschiedenen Distanzen, sondern üben auch, beim Schießen schnell zwischen Gewehr und Pistole zu wechseln. „Der Schütze muss sich dabei vor allem auf die unterschiedlichen Abzüge einstellen“, sagt Trainer Sebastian Charwatch. Und man müsse entscheiden können, in welcher Situation man welche Waffe benutze. Neben echter Munition werden auch Dummy-Patronen eingesetzt, um Störungen im Gewehr zu simulieren.

Immer drei Schützen üben mit jeweils zwei Trainern, während die anderen im Aufenthaltsraum warten. Überall auf dem Boden der Schießbahn liegen Munitionshülsen herum, alle tragen dicke Gehörschützer, der Rückstoß der Waffen ist noch auf einen Meter Distanz zu spüren. An der Stirnseite am Ende der Bahnen lassen die Einschusslöcher erkennen, wie gut die blauen, grünen und gelben Rechtecke getroffen wurden. Statt der momentan aufgespannten und inzwischen zerlöcherten Papiertapete könne dort auch ein Film abgespielt werden, in dem bewaffnete und nicht bewaffnete Personen auftauchen, erklärt Gutzeit. Bei dem Training stehe die Ansprache dieser Personen wie auch der Austausch mit den Kolleg:innen im Vordergrund. Sehr wichtig sei immer die Frage: Darf ich jetzt schießen oder nicht?

Einsatztraining im Polizeipräsidium Südhessen in Darmstadt.
Einsatztraining im Polizeipräsidium Südhessen in Darmstadt. © PPSH

Ob und wie oft die Schütz:innen treffen, wird im angrenzenden Regieraum vom Computer registriert und später dokumentiert. Dort sitzt auch ein weiterer Trainer und beobachtet die Übungsrunde auf mehreren Monitoren. Am Ende der Ausbildung muss jeder eine gewisse Schießleistung erbringen. Die Anforderungen daran sind laut Gutzeit vom Land vorgegeben.

Schießtraining in Darmstadt: LKA ermittelt wegen Vorfällen im Einsatztraining

Im Sommer hatte es aus anonymen Polizeikreisen Kritik an der Ausgestaltung des Schießtrainings gegeben, das wegen einer kompletten Umstrukturierung nicht in der Häufigkeit stattgefunden haben soll, wie es nötig wäre. Die Polizei hatte dies dementiert: Zwar würde im Rahmen eines Pilotprojekts das Einsatztraining neu ausgerichtet, um die in Hessen normierte Ausbildung beim Polizeipräsidium Südhessen weiter zu optimieren. Es finde aber mit Unterstützung aus anderen Polizeipräsidien und der Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit während der Umorganisation die Schießausbildung mit der Pistole statt. Auch stünden ausreichend lizenzierte Trainer und Trainerinnen zur Verfügung. Künftig sollten neben dem klassischen Schieß- und Einsatztraining weitere taktische und kommunikative Aspekte in die Aus- und Fortbildungsinhalte mit einfließen, schrieb die Polizei.

Im April 2022 war die bisher für die Ausbildung zuständige Dienstgruppe in den Fokus von Ermittlungen gerückt. Mutmaßlich soll es in einer Chatgruppe Beschimpfungen und Mobbing gegeben haben. Ein Beamter soll dabei seine Wohnung in Anspielung auf Adolf Hitler als „Wolfsschanze“ bezeichnet haben und sich mit einem aus Kaffeepulver geformten „Hitlerbart“ fotografiert haben lassen. Auch soll es zu Verletzungen beim Training gekommen sein.

Das hessische Landeskriminalamt ermittelte gegen sechs Beamte wegen der Vorfälle, die bereits im Januar 2021 gemeldet worden sein sollen. Es ging um Beleidigung, schwere Körperverletzung und unterlassene Hilfeleistung, wie Innenminister Peter Beuth (CDU) damals darlegte. Die Hitlerfotografien wurden indes als nicht strafbar gewertet, wenngleich Minister Beuth betonte, dass solche Aufnahmen nichts auf den Handys von Polizeibeamten zu suchen hätten.

Darmstadt: Einsatztraining der Polizei umstrukturiert

Inzwischen hat sich einiges im Polizeipräsidium Südhessen geändert. Nicht nur neue Ausbilderinnen und Ausbilder wurden engagiert und werden zum Teil derzeit noch qualifiziert, auch die Leitung des Schieß- und Einsatztrainings wurde neu besetzt. Außerdem ist die Abteilung organisatorisch nicht mehr bei den Zentralen Diensten angesiedelt, sondern wurde in die Einsatzabteilung verlagert. „Wir versprechen uns davon einen engeren Austausch mit den Dienststellen“, sagt Gutzeit. Allerdings habe die Umstrukturierung „nichts mit Defiziten im Einsatztraining zu tun“, sondern das Training müsse sich ständig weiterentwickeln, weil auch die Anforderungen an die Polizei sich ständig ändern würden. Es habe keine Zeit gegeben, in der die Pflichtleistungen im Schießtraining nicht hätten erbracht werden können. Lediglich bei der „Kür“, also etwa bei Zusatztrainings, sei man in der Zeit, als neue Kräfte gesucht wurden, eingeschränkt gewesen. „Seit Herbst sind wir wieder voll handlungsfähig“, so der Polizeipräsident.

Wöchentlich durchlaufen im Schnitt 450 Personen die Ausbildungs- und Trainingsstätte in Darmstadt. Es ist eine von 37 Schießanlagen, die die hessische Polizei nutzt. „Jeder Streifenbeamte kommt etwa zwei bis drei Mal im Jahr hierher“, sagt Melanie Türke, die neue Leiterin des Schieß- und Einsatztrainings. Zuvor war sie als Sachgebietsleiterin Sonderlagen bei der südhessischen Polizei tätig. Für ihre neue Aufgabe in Darmstadt „brennt“ sie regelrecht, wie sie sagt. Die Zeiten, in denen man im Keller das Schießen übte, seien zum Glück vorbei. Die hochmoderne Anlage in Darmstadt sei hell, gut gedämmt und verfüge vor allem über eine Filteranlage, die die Schadstoffe, die beim Schießen entstehen, reduziere. Dies sei für das Personal, das sich täglich viele Stunden dort aufhalte, enorm wichtig.

Ein weiterer Pluspunkt ist für Türk aber, dass sich direkt gegenüber die Räume für das Einsatztraining befinden. Den Kolleginnen und Kollegen würden die Übungseinheiten viel Freude machen, „weil Echtlagen geübt werden“. Es würden die Fragen beantwortet und die Dinge trainiert, mit denen sie tagtäglich im Einsatz konfrontiert seien: Wie fahre ich an, wie steige ich aus dem Einsatzfahrzeug aus, wie nähere ich mich dem Gebäude, wie öffne ich die Tür? Was und wer erwartet mich darin? „Schon das Reingehen in die Halle ist Bestandteil des Übungsszenarios“, erklärt Türk.

Erinnert an ein Raumschiff: Die 2020 eröffnete Raumschießanlage am Polizeipräsidium Südhessen in Darmstadt,
Erinnert an ein Raumschiff: Die 2020 eröffnete Raumschießanlage am Polizeipräsidium Südhessen in Darmstadt, © Peter Jülich

Einsatztraining in Darmstadt: Kontrolle eines Autos

Im Innern der Halle steht ein silberner Opel, dahinter aufgestapelte Kartons mit Einschusslöchern von Übungsmunition, an der Wand lehnen Trainingspuppen. Trennwände können zu neuen Umgebungen aufgebaut werden. Hier wird zum Beispiel geübt, wie man eine Personenkontrolle im Verkehr vornimmt. „Das Wichtigste: immer die Hände im Blick haben“, sagt Türk. Denn die könnten eine potenzielle Waffe bedienen. Auch ganz wichtig: Wie spreche ich jemanden an, wie vermittle ich demjenigen, dass er aussteigen soll und was tue ich, wenn er sich weigert? „Wir wissen nie, wer am Steuer sitzt“, sagt Polizeisprecherin Andrea Löb. Allerdings verlaufe der allergrößte Anteil der Kontrollen ohne Zwischenfälle.

Genauso wenig wisse man, mit wem man es zu tun habe, wenn man in Häuser gerufen werde. Deswegen wird auch trainiert, wie man sich in fremder Umgebung bewegt, etwa in einer Wohnung. Übungsmöglichkeiten dafür befinden sich laut Löb im oberen Geschoss des Gebäudes.

Zum Training gehört außerdem, wie das Ganze abläuft, wenn man dabei auch noch die 20 Kilogramm schwere Ausrüstung trägt. Sie besteht aus Helm, Schutzweste, kugelsicherem Plattenträger und Schulterflügeln. Die Ausrüstung kommt vor allem bei sogenannten Sonderlagen zum Einsatz. Das kann zum Beispiel eine Bedrohungslage sein oder kann laut Löb bis zu terroristischen Anschlägen reichen.

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