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Einsam in der Dunkelheit

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Wenn es dunkler und kälter wird, sinkt die Motivation, nach draußen zu gehen – und damit auch die Anzahl sozialer Kontakte.
Wenn es dunkler und kälter wird, sinkt die Motivation, nach draußen zu gehen – und damit auch die Anzahl sozialer Kontakte. © Völker

Wenn die Tage kürzer und die Abende dunkler werden, fühlen sich einsame Menschen noch mehr in Not als ohnehin. Das spürt auch die Darmstädter Telefonseelsorge.

Zwar hat der Gesprächsdienst immer Saison, doch der Herbst rückt andere Motive in den Mittelpunkt, lässt vorhandene schwerer werden. Das hat in erster Linie biophysische Ursachen: Mangel an Licht und Bewegung etwa.

Bei Kälte und Dunkelheit sinkt die Motivation, nach draußen zu gehen – und damit die Zahl sozialer Kontakte. „Dazu kommen die extremen Kontraste in der Vorweihnachtszeit“, sagt Christiane Rieth, die mit Ralf Scholl die Darmstädter Telefonseelsorge leitet. „In der Stadt, im Fernsehen – überall wird heile Familienwelt inszeniert.“ Gütige Großeltern, lächelnde Mütter, strahlende Kinder.

„Für Menschen, die nicht gut eingebunden sind, ist das der Horror“, sagt Rieth. Ketten des Versagens können sich dann im Kopf abspulen: Ich gehöre nicht dazu, mich lädt sowieso keiner ein, Weihnachten wird wieder schrecklich. Rund 13 500 Gespräche waren es im vergangenen Jahr, die Rieth, Scholl und 80 ehrenamtliche Mitarbeiter geführt haben. Für alle gilt: Es braucht keine Anmeldung, keine weitere Vereinbarung; beide Seiten bleiben anonym.

80 ehrenamtliche Mitarbeiter

„Die Telefonseelsorge ist keine Therapie, das will und kann sie nicht sein“, erläutert Rieth. „Sie ist Auffangort in akuten Situationen, für den spontanen Hilferuf.“ So sind unter den Anrufern auch Menschen, die in therapeutischer oder psychiatrischer Behandlung sind. „Ihnen“, so Rieth, „bieten wir die Möglichkeit, sich momentan zu entlasten.“ Dazu kommen Beratung und Hinweise auf andere Angebote: „Darmstadt hat da ein gutes Netz.“

So, wie Herbsttage Ton und Inhalte der Telefongespräche verändern, gibt es auch Tageszeiten, in denen die Anliegen dringlicher sind. „Einmal die Morgenstunden“, sagt Rieth. „Menschen mit Depression wachen oft früh auf, kommen schlecht in den Tag. Da tut ein Gespräch einfach gut nach dem Aufstehen.“ Die zweite Tagesspitze gibt es am frühen Abend, zwischen fünf und neun. „Die Zeit, wenn Menschen, die einsam sind, von der Arbeit nach Hause kommen. Doch dort ist niemand, der sie empfängt.“

Zwei Drittel der Anrufenden sind Frauen. „Sie versuchen eher, Probleme über das Gespräch zu lösen“, sagt Diplom-Psychologin Rieth. „Männer gehen ein Bier trinken oder fressen es in sich hinein.“

Anrufer kann sich in aller Offenheit erklären

Die meisten Anrufer kämen aus der Gruppe der 40- bis 60-Jährigen – das Alter der größten Krisen: „Die Kinder gehen aus dem Haus, im Beruf läuft es nicht rund, die Eltern müssen gepflegt werden, und bei allem spürt man, der Schwung im Leben ist weg.“

Nur etwa drei Prozent aller Gespräche drehten sich um Selbstmordgedanken oder konkrete Tötungsabsichten. Sie verlangen dem Telefonseelsorge-Team hohe Sensibilität ab. Wichtig: Dem Anrufer signalisieren, dass man ihn ernstnimmt und dass er sich in aller Offenheit erklären kann.

Auf die Selbstmordrate übrigens bleibt die dunkle Jahreszeit ohne Einfluss. Statistisch gesehen werden die meisten Selbsttötungen im Mai verübt, wenn alles wieder aufblüht und die Lebenslust jubiliert – bei den anderen. Auch bei dem, der zurückbleibt, bringt der Frühling neue Kraft: Sie ist der kleine Schub, der ausreicht, das umzusetzen, was während der Monate davor im Verborgenen wuchs.

Die Darmstädter Telefonseelsorge ist unter zwei bundesweit einheitlichen Nummern rund um die Uhr erreichbar: 0800/ 1110111 und 0800/1110222. Die Anrufe sind kostenfrei, die Gespräche werden anonym geführt. Menschen mit Interesse an einer ehrenamtlichen Mitarbeit finden Infos auf www.telefonseelsorge-darmstadt.de. (ers)

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