1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Einmal dabei, immer dabei

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Hartmut Pfeil hat 1951 das erste Festplakat gestaltet.
Hartmut Pfeil hat 1951 das erste Festplakat gestaltet. © Roman Grösser

Ingrid Warsow hat seit 1951 nur ein Heinerfest verpasst. Morgen beginnt das fünftägige Spektakel mit dem Bieranstich.

"Mein Darmstadt! Wie ist doch mein Herz in Lieb zu dir entbrannt, du bist für mich der schönste Ort im ganzen Hessenland /Der große Woog, der Hochzeitsturm und auch das Monument, der ist kein rechter Heiner nicht, der diese drei nicht kennt /Umkränzt von Wald und Bergeshöh´n, getaucht in mildes Licht, Beschaulichkeit, Humor und Geist, sie prägen dein Gesicht."

Das sind die drei Strophen des "Heinerlieds", das 1951, bei der ersten Ausgabe des Festes, zur Aufführung kam. Dargeboten hat es auf dem noch von Kriegsruinen umstandenen Marktplatz der Opernsänger Heiner Horn. "Und der Mann, der das Lied komponiert hat, das war mein Klavierlehrer", sagt Ingrid Warsow.

Der Schunkelwalzer, den Wilhelm Etzold der 14-jährigen Eberstädterin Ingrid beim Unterricht vorsang, machte die Schülerin zum lebenslangen Heinerfest-Fan. Das lustige Liedchen passte zur Sehnsucht des ersten Jahrzehnts nach Hitler, der Sehnsucht nach Leichtigkeit und Ablenkung.

Früher war´s gemütlicher

Ingrid Warsow, geborene Jüngling, war ohnehin fröhlich. Dass 1951, beim ersten Heinerfest, noch so viele Trümmer die Innenstadt prägten, die Altstadt verschwunden war, neue Straßenzüge und Durchbrüche wie die Landgraf-Georg-Straße eher durch Niemandsland als durch eine Stadt führten, steht ihr nicht dominant vor den Augen ihrer Erinnerung. "Nur, dass das Schloss uns mit leeren Augen angegähnt hat, das war unheimlich", sagt sie, "und der Weiße Turm hat kein Häubsche aufgehabt. Aber Rheinstraße, der Ludwigsplatz und der Luisenplatz, die waren überall mit Girlanden aus Tannenzweigen und mit blauweißen Fähnchen geschmückt, das war so schön."

Und die Festbesucher? "Die waren alle ausgelassen!", sagt Warsow, "allerdings so, dass mir zum Beispiel 1955 das Heinerfest viel lieber ist als das von 2009. Die Zelte waren damals auch voller Massen, aber die Fahrgeschäfte und die Buden, das war alles net so gewaltig. Es war alles kleiner und braver, bescheidener und familiärer. Und gemütlicher."

Warsow, echte Heinerin, war ursprünglich in der Schleiermacherstraße zu Hause. Als sie acht Jahre alt war, 1943, wurde das Elternhaus bei einem der ersten größeren Luftangriffe auf Darmstadt getroffen. Die Familie war ausgebombt und kam unter in der Dienstwohnung des Großvaters. Der war Direktor des Gefängnisses an der Rundeturmstraße. Nach dem Krieg zogen Ingrid und ihre Mutter dann nach Eberstadt. Und dort, 1950/51 in der Schule, wurde das Mädchen von ihrem Schuldirektor Friedrich Stößinger beiseite genommen mit der Frage, ob sie nicht für sein Stück "Justus Liebig. Ein Darmstädter Heimatspiel für die Schul- und Jugendbühne" die Mutter Liebig spielen wolle. "Ich sagte sofort ja. Ich wollte doch auf die Bühne!" Und so wurde Ingrid mit 14 Mutter.

Auftritt in den Schlossarkaden

Ingrid Warsow erinnert sich an das erste Heinerfest also nicht nur wegen der Buden, der Zuckerwatte oder dem zotteligen Eisbär für die Erinnerungsfotos ("der arme Mann da drunter hat sicherlich schwer schwitzen müssen"), sondern auch wegen ihrer Mutter-Rolle in dem Stück, das in den Schlossarkaden aufgeführt wurde. Premiere am Heinerfestsamstag. Eine Heidenaufregung. Und alles schee auf darmstädtisch.

Jahr für Jahr für Jahr, insgesamt 58 Mal, war Ingrid auf dem Heinerfest. Nur einmal, 1990, war sie wegen eines Urlaubs fern der Heimat rund ums erste Juli-Wochenende. "Jahrzehnte lang ist die ganze Familie hingegangen, das war selbstverständlich." Und man habe die anderen Familien getroffen, die Arbeitskollegen, die Freunde. Und der Sepp Gussmann hat im Hamel-Zelt aufgespielt, "da hammer drauf los geschwoft".

Das 60. Heinerfest verpasst Ingrid Warsow selbstverständlich nicht. "Heute gibt es mir, ehrlich gesagt, zu viel Sauferei auf dem Fest. Und der Trubel erschlägt mich fast. Aber ich kann net wegbleiben, auf keinen Fall." (phg)

Auch interessant

Kommentare