1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Einer, der arbeiten will

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Öl auf Jeans - Jörg Nover in seinem Atelier.
Öl auf Jeans - Jörg Nover in seinem Atelier. © Claus Völker

Der Integrationsfachdienst kümmert sich um behinderte Arbeitslose.

"Es ist die Kunst unserer Arbeit, Motivation zu wecken", sagt Dieter Beck - Motivation bei denen, die wegen körperlicher Handicaps vielleicht die Hoffnung auf eine reguläre Arbeitsstelle längst aufgegeben und innerlich kapituliert haben: schwerbehinderte Menschen, vielfach seit Jahren ohne Job. Beck ist Berater beim Integrationsfachdienst (IFD) im Dugena-Haus an der Rheinstraße - einer Vermittlungs- und Beratungsstelle für Behinderte. "Wir haben die schweren Fälle", erklärt deren Leiter Rolf Klatta. Oft sei die Behinderung nicht das einzige Hemmnis für einen Job, fehlende Ausbildung oder Sprachkenntnisse kommen hinzu.

Viele Betroffene werden von der Arge Darmstadt zum IFD verwiesen. "Die Arge hat keine Fachkräfte für behinderte Menschen", weiß Klatta, betont aber: "Wir sind nicht der verlängerte Arm der Arge. Betroffenen wird auch nicht die Leistung gekürzt, wenn sie nicht zu uns kommen. Wir bieten ihnen nur eine Chance."

Eine Chance - die kann jemand brauchen, der so mit vielen körperlichen Gebrechen geschlagen ist wie Jörg Nover. Der 46 Jahre alte Darmstädter leidet an Wirbelsäulen- und Schulterschäden, Arthrose und Diabetes. Er kann weder eine durchgehend sitzende noch eine stehende Tätigkeit ausüben oder sonstige Zwangshaltungen einnehmen, keine Lasten heben, muss Kälte, Nässe und Zugluft meiden, darf wegen Schmerzmittel-Konsums auch keine Fahrzeuge oder gefährlichen Maschinen bedienen.

Ärger mit der Arge

"Ich bin einer, der arbeiten will", versichert Nover. "Aber ich weiß nicht mehr, was ich noch machen kann." Seine letzte Stelle im erlernten Beruf als Schreiner hat er 2002 verloren. Seither pendelt er zwischen Arbeitslosigkeit, Reha-Maßnahmen, Schulungen und freiwilligen befristeten Ein-Euro-Jobs. Zudem hat er seine Bessunger Wohnung zum Künstleratelier umfunktioniert, malt Ölbilder auf Jeansstoff. Es sind überwiegend triste Motive.

Für die Betreuung durch die Arge hat Nover nur Bitterkeit übrig. Er warte seit Monaten auf die Genehmigung eines Computerkurses; zudem habe eine verordnete Eingliederungs-Schulung wegen des langen Sitzens seine Leiden noch verschlimmert. Zuletzt kam noch seine monatliche Hartz-IV-Überweisung mit mehrtägiger Verspätung. Ihn als Behinderten, so mutmaßt er, habe die Arge abgeschrieben. Die weist die Vorwürfe zurück. Ursache für die verspätete Überweisung sei ein Software-Fehler, sagt Bereichsleiterin Christiane Maresha; Nover werde "vollumfänglich" betreut, um ihn an den Arbeitsmarkt heranzuführen. Um auf seine Leiden - Nover gilt als schwerbehindert - besser eingehen zu können, sei er an den Integrationsfachdienst verwiesen worden.

Auch Sozialdezernent Jochen Partsch (Grüne) versichert, dass in Darmstadt "jeder, der kommt, auch betreut wird. Darauf hat er ein gesetzlich verbrieftes Anrecht." Im Gesetz verankert sind auch die Integrationsfachdienste, die in ganz Hessen für Behinderte zur Verfügung stehen müssen - nicht nur für jene, die auf Arbeitssuche sind, sondern auch für Erwerbstätige, die Beratung oder Unterstützung benötigen. Zehn Betreuer kümmern sich in Darmstadt jeweils um etwa 35 Betroffene. In etwa 25 Prozent der Fälle gelingt die Vermittlung in eine sozialversicherungspflichtige Stelle.

Wie die Dinge für Jörg Nover stehen, wird er in den nächsten Monaten erfahren. Sein erster Eindruck von der Betreuung beim IFD ist günstig. Doch nicht nur darauf kommt es an. "Der Beratungsprozess", erklärt der IFD über die eigene Arbeit, "wird vom selbstverantwortlichen Handeln des Kunden mitbestimmt." (bad)

Auch interessant

Kommentare