Christoph Gebhardt ist stolz auf sein Werk.
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Christoph Gebhardt ist stolz auf sein Werk.

Krimi mit Lokalkolorit

Eine wahre Geschichte

Ein Juristen-Ehepaar erzählt die Geschichte eines mörderischen Arztes - nach einer wahren Begebenheit aus dem Odenwald.

Im Zellengang im Keller des Darmstädter Gerichtsgebäudes klingelt der Untersuchungshäftling nach einem Wachtmeister, klagt über Durst. Der hilfsbereite Beamte öffnet die Zellentür. Der Häftling packt ihn von hinten, hält ihm ein Messer an die Kehle – ein weiches, stumpfes Besteckmesser, aber das kann der Beamte nicht sehen. Er fürchtet um sein Leben, lässt sich in die Zelle sperren.

Es ist eine wahre Geschichte, die der Darmstädter Richter Christoph Gebhardt und seine Frau Christine Gutmann in einem gemeinsam verfassten Buch schildern. Es ist die Geschichte eines Odenwälder Arztes, der in den 80er Jahren einen Mord beging, 17 Jahre Haft absaß – und wieder mordete.

Flucht dauert vier Tage

Nachdem er den Beamten in die Zelle eingesperrt hat, flüchtet er. Mit Straßenbahn, Taxi und zu Fuß über gefrorene Felder erreicht der Flüchtling die Autobahn-Raststätte Gräfenhausen. Per Anhalter verschwindet er über die A?5 in Richtung Süden.

Die Flucht des Untersuchungshäftlings Dr. med. Wolfgang Robens dauert vier Tage; im Breisgau wird er wieder aufgegriffen. Es ist der 5. Februar 1987. Eine Woche später sitzt Robens wieder auf der Anklagebank des Darmstädter Landgerichts. Das Urteil: lebenslange Haft wegen Mordes.

Das Juristen-Ehepaar Christine Gutmann und Christoph Gebhardt hat sich nun dieses Krimis angenommen, den das wahre Leben schrieb. Sie wälzten Prozessakten und schrieben gemeinsam ein Buch: „Der Arzt, dein Freund und Mörder“. Der Fall sei heute noch Thema in Darmstädter Justizkreisen, erzählt Gebhardt, Vorsitzender eines Zivilsenats an der Außenstelle Darmstadt des Oberlandesgerichts Frankfurt. Seine Frau war Robens als junge Juristin im Butzbacher Gefängnis begegnet. Warum saß der Arzt dort ein? Weil er den perfekten Mord versucht, aber nicht hinbekommen hatte. Am 29. Dezember 1984 hatte Robens seinem 67 Jahre alten Vermieter und Patienten in dessen Wohnung neben seiner Praxis eine Spritze gegeben, die aber statt des gewohnten Stärkungsmittels ein Narkotikum enthielt. Dem bewusstlosen Opfer schnitt Robens die Nase auf; der 67-Jährige erstickte an seinem eigenen Blut. Robens schaltete per Zeitschaltuhr eine Herdplatte ein: Das ganze Haus sollte mit der Leiche in Flammen aufgehen. Die Arztpraxis hatte er zweifach gegen Feuer versichert. „Aber Robens machte einen Fehler“, sagt Gebhardt. „Er vergaß, die Fenster zu öffnen. Wegen Sauerstoffmangels entwickelte sich nur ein Schwelbrand. Am Nachmittag fand die Feuerwehr die Leiche.“

Interviews aus der Zelle

Es folgten monatelange Ermittlungen der Polizei und der Indizienprozess am Landgericht. Robens leugnete stets die Tat. In Butzbach jedoch gelang es Robens, die halbe Gefängnisverwaltung, den Anstaltspfarrer sowie mehrere Anwälte und Gutachter von seiner Unschuld zu überzeugen. Alle juristischen Hebel wurden in Bewegung gesetzt, der Häftling gab sogar Interviews in der Zelle (und heiratete später eine hingerissene Radiohörerin). Es half alles nichts: Die zuständigen Gerichte und das Ministerium blieben hart. Robens musste 17 Jahre Haft absitzen.

2003 kam der inzwischen 56-Jährige auf Bewährung frei, erhielt in Bayern wieder eine Approbation als Arzt und ließ sich mit seiner neuen Lebensgefährtin in Augsburg nieder.

Und Wolfgang Robens tötet erneut. Das Opfer ist ein Kollege der Lebensgefährtin. Robens erschießt ihn. Im Folgejahr wird er wegen Mordes erneut zu Lebenslang verurteilt; Sicherungsverwahrung wird angeordnet. Das Gefängnis wird der heute 65-Jährige nicht mehr verlassen. (bad.)

Das Buch „Der Arzt, dein Freund und Mörder – Strafsache Dr. U., ein Lehrstück“ von Christoph Gebhardt und Christine Gutmann ist im Hirzel-Verlag erschienen und kostet 17,80 Euro.

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