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Eine Ruine verschwindet

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Bereits kommende Woche soll das heruntergekommene Gebäude abgerissen sein.
Bereits kommende Woche soll das heruntergekommene Gebäude abgerissen sein. © Claus Völker.

Die Ruine an der Straßenecke Hügel-/Saalbaustraße, die seit 69 Jahren wie ein fauler Zahn in der Landschaft hing, verschwindet: SPD-Politiker Ebert lässt dort ein fünfstöckiges Büro- und Wohnhaus bauen.

Damit hatte niemand gerechnet: Am Freitag kehrte plötzlich das Leben zurück in die Ruine, an der nahezu jeder Darmstädter täglich mindestens einmal vorbeikommt. Fenster und Türen waren aufgebrochen, innen rumpelte es mächtig. Draußen, in der Hügelstraße, wurde bergab eine Fahrspur gesperrt und ein Container aufgestellt; da hinein flog auch am Samstag der Müll.

Die Ruine an der Straßenecke Hügel-/Saalbaustraße, die seit 69 Jahren wie ein fauler Zahn in der Landschaft hing, verschwindet tatsächlich; sie macht Platz für ein fünfstöckiges Büro- und Wohnhaus. Bauherr: die Heim GmbH & Co. KG. Dahinter steht der Darmstädter SPD-Politiker Eike Ebert.

Gestern herrschte erst mal Ruhe auf der Baustelle, die noch keine ist. Man konnte die Ruine besichtigen; düstere Räume, die stark nach Schimmel riechen und in denen der Schutt knöchelhoch liegt. „Bis Mitte nächster Woche ist das alles weg“, verspricht Johann Winczy, dessen in Alsbach-Hähnlein beheimatetes Baggerunternehmen den Abbruch leitet. „Der Müll ist raus, nun stellen wir eine Hebebühne hinein, um die Mauer zum Nachbargebäude niederzulegen; das geht nur von Hand.“

Baubeginn am Montag

Offizieller Baubeginn ist der kommende Montag. So hat es die Bauaufsicht genehmigt. Die Baugenehmigungen stammen vom Sommer 2012 und – weil es noch eine Grundrissänderung gab – vom März dieses Jahres.

An dem Grundstück hat sich schon so mancher versucht. Zuletzt der Darmstädter Ergün Karakaya, der die Ruine eine ganze Zeit lang gemeinsam mit seinem Bruder im Portfolio hatte. Inzwischen war die Mollerstadt, zu der auch diese Ecke zählt, Sanierungsgebiet geworden. Damit stieg der städtebauliche Anspruch. Die Vorstellung, die die Karakayas von der Nutzung des Grundstücks hatten, und die Erwartungen der Stadt vertrugen sich offenkundig nicht. Die Karakayas verloren die Lust an ihrem Eigentum. „Das rechnete sich nicht“, sagt Ergün Karakaya. „Und da habe ich es an Eike Ebert verkauft.“

Ebert (73) war von 1990 bis 1994 Darmstädter Bundestagsabgeordneter, zuvor, seit 1976, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse. Seit 1981 gehörte er der Stadtverordnetenversammlung an, 1985 wurde er deren Vorsteher. In der Elisabethenstraße führt Ebert eine Anwaltskanzlei. Ebert war zu einer Stellungnahme gestern nicht zu erreichen. Ein Streitpunkt mit der Stadt war für Karakaya der Nachweis der Stellplätze. Architekt Christian Knecht bringt nun eine Abstellfläche für vier Autos im Erdgeschoss unter, erreichbar über die Saalbaustraße.

Insgesamt erhebt sich der Neubau über fünf Stockwerke, wobei das oberste als „Staffelgeschoss“ gewertet wird. Es ist etwas zurückgesetzt und nimmt die einzige Wohnung des Komplexes auf. In den anderen Etagen sind Büros geplant; hinzu kommt ein Keller. Dies ist nicht der einzige Neubau im Quartier. Gleich um die Ecke, in der unteren Elisabethenstraße, ist ein Grundstück freigeräumt und wartet auf die Bebauung. Wieder einige Meter weiter, in der Neckarstraße kündigt ein großer Geröllberg auf dem Grundstück des abgerissenen Stolze-Hauses davon, dass hier Dutzende Studentenappartements entstehen werden. Um die architektonische Form wird noch gerungen, nachdem sich der Gestaltungsbeirat kritisch eingeschaltet hatte.

In markanter Form wird in absehbarer Zeit nur noch der große Ruinenkomplex zwischen Zeughaus- und Luisenstraße an die Zerstörung Darmstadts im Zweiten Weltkrieg erinnern. (ers.)

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