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Eine Maschine zum Laufen

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Samuel Koch auf dem Gangroboter.
Samuel Koch auf dem Gangroboter. © andré hirtz

Der querschnittsgelähmte Schauspieler Samuel Koch testet in Darmstadt eine neue Technik, die Gelähmten und Gehbehinderten mehr Körpergefühl geben und ihre Beschwerden lindern soll. "Ich fühle mich beweglicher", sagt Koch nach dem ersten Training.

In einem Kafka-Stück auf der Bühne des Staatstheaters ist der querschnittsgelähmte Schauspieler Samuel Koch Rücken an Rücken an einen Kollegen festgeschnallt – und überwindet damit Grenzen. In der Physiotherapie hilft ihm ein Gangroboter, einen Schritt vor den anderen zu setzen.

Das Gerät ist erst seit kurzem in Darmstadt, die vergangenen zwei Tage wurde das Team des Physio-Zentrums „Dacorpo“ an der Rheinstraße eingewiesen und geschult. Mit Hilfe eines Außenskeletts können sich Patienten mit Lähmungen in den Beinen oder auch schwer Gehbehinderte während des Trainings auf einem Laufband bewegen.

Entwickelt wurde der „Locomat“ von der Schweizer Firma Hocoma. In Deutschland sind derzeit etwa 40 dieser Geräte im Einsatz, 13 davon im ambulanten Sektor. Einer der Patienten, die das Gerät ausprobieren, ist der Schauspieler Samuel Koch. Der 28-Jährige ist seit seinem Unfall vor fünf Jahren bei „Wetten dass…“ querschnittsgelähmt.

Gangroboter kennt er aus der Zeit seiner Reha-Aufenthalte. 60 Minuten sind für die Sitzung angesetzt. Es dauert ein bisschen, bis es losgeht. Koch müssen zuerst die Beine vermessen werden, sein Gewicht und die Größe werden notiert, dann müssen die robotischen Orthesen angepasst werden.

Auf dem Laufband dann die ersten Schritte. Koch sieht mit den vielen Gurten, Bändern, Schnallen und den Beinhebern ein bisschen wie eine Actionfigur aus dem US-Science-Fiction-Film „Transformers“ aus, halb Mensch, halb Maschine. Der Schauspieler ist äußerst konzentriert. Er schaut genau hin, wie seine Füße abheben und abrollen, versucht, sich gerade zu halten und bittet die Physiotherapeuten, die Haltung des rechten Fußes zu kontrollieren und ihn um die Hüfte mit den Gurten etwas mehr zu stabilisieren.

Das Training mit dem Außen-skelett wirkt sich laut Studien positiv auf Psyche, Herz-Kreislauf und andere Körperfunktionen aus. Beispielsweise können sich die Blasen-Darm-Funktion, das Gleichgewicht, die Gelenkbeweglichkeit, Durchblutung, Ausdauer und Kraft verbessern. Geeignet ist das Training für Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma, Multipler Sklerose, Parkinson, aber auch für Schlaganfallpatienten.

Ein weiterer Vorteil des Roboter-Trainings für neurologische Patienten wie Samuel Koch: „Wenn man es regelmäßig macht und öfter wiederholt, dann verringert sich die Intensität der Spastik und damit nehmen auch die Schmerzen ab“, erklärt Evelin Schindler, Physiotherapeutin und Inhaberin von „Dacorpo“.

Nach etwa zehn Minuten auf dem Laufband entspannen sich Kochs Gesichtszüge. Er genießt das Gehen, fragt: „Habe ich schon zwei Runden im Stadion gedreht?“ Lächelt. Der Roboter misst die Kraft Kochs, passt die Maschine seinen körperlichen Leistungen an, um ihn beim Gehen zu unterstützen. Schrittlänge, Schritthöhe, Geschwindigkeit, Widerstand, alles ist bei dem Gangroboter individuell einstellbar. Die Arme des Schauspielers pendeln vor und zurück. Koch würde am liebsten ewig so weitermachen. „Wir sollten es beim ersten Mal nicht übertreiben“, bremst ihn „Hocoma“-Mitarbeiter Alex Kamps, der die Werte auf dem Monitor im Blick hat.

Patienten, die zum ersten Mal den Gangroboter nutzen, sind in der Regel nach 20 Minuten kaputt. Ein Marathon wäre mit dem Robotergerät zwar theoretisch möglich, aber „die Dauer des Trainings ist gar nicht so wichtig“, sagt die Physiotherapeutin Schindler. Wichtiger sei, andere Parameter wie etwa die Intensität zu erhöhen. Sie rät ihren Patienten, zweimal die Woche aufs Laufband zu gehen. Es ist allerdings auch eine Kostenfrage: Pro Sitzung kostet das Training mit dem Gangroboter 80 bis 100 Euro. Ob die Krankenkassen die Kosten übernehmen, ist vom Einzelfall abhängig.

Samuel Koch war in 34 Minuten auf dem Laufband mit einem Tempo von 1,5 Kilometer pro Stunde unterwegs und hat dafür 26 Kilogramm an Kraft aufgewendet. Er will weitermachen. „Ich spüre ein Kribbeln in den Beinen, den Druck der Fersen, lustigerweise spüre ich auch mein linkes Schienbein“, freut er sich. Nun sitzt er wieder im Rollstuhl, bewegt den Oberkörper leicht hin und her. „Ich fühle mich beweglicher, nicht so eingerostet wie sonst, irgendwie geschmeidiger.“ Er wird wiederkommen, da ist er sich sicher. „Meine Füße freuen sich auch, jetzt hatten sie endlich mal wieder was zu tun.“ (hin)

TV- und Theatertipp: „Samuel Kochs zweite Chance“: für die ZDF-Doku (25. März, 20.15 Uhr) begleitet der Arzt Dietrich Grönemeyer den Schauspieler bei den Proben und beim Physio-Robotertraining. Das Kafka-Stück mit Samuel Koch „Ein Bericht für eine Akademie“ am Staatstheater ist am 12. März, 19.30 Uhr, zum letzten Mal zu sehen.

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