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Darmstadt: Kochkurs für Schwerhörige

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Von: May-Britt Winkler

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Und fertig ist die Vinaigrette (v.l.): Inge Mitzkewitsch, Rainer Schertler und Küchenchef Felix Seifert.
Und fertig ist die Vinaigrette (v.l.): Inge Mitzkewitsch, Rainer Schertler und Küchenchef Felix Seifert. © May-Britt Winkler

Das Angebot der Evangelischen Kirche in Darmstadt soll Betroffene aus der Isolation holen.

Bei dem Begriff „Schlappohr“ denken viele vermutlich als Erstes an einen Labrador oder ein Widder-Kaninchen, aber in diesem Fall ist das weit gefehlt. Schlappohren nennen sich nämlich auch selbstironisch Menschen mit schlappen Ohren, also Hörgeschädigte. Das klingt zunächst recht spaßig, aber so ist der Alltag eines Menschen mit Hörschädigung mitnichten.

„Viele Schwerhörige fühlen sich abgeschnitten von anderen Menschen“, sagt Maren Dettmers, Schwerhörigen-Seelsorgerin der EKHN (Evangelische Kirche in Hessen und Nassau). „Beziehung und Bindung entsteht ja durch Kommunikation, und wenn man nicht gut kommunizieren kann, dann geht man nicht mit Freunden weg, nicht ins Restaurant, nicht ins Theater oder nicht in die Kirche.“

Kochkurs für Gehörlose: Viele Betroffene sind einsam

Der Rückzug endet oft in Einsamkeit und so sieht es Dettmers als eine erfüllende Pflicht an, hörbehinderten Menschen zu helfen und sie zusammenzubringen, um dem Alleinsein entgegenzuwirken. Die Veranstaltung „Kochen für Schwerhörige“ ist eine von vielen Maßnahmen, und sie fand am vergangenen Wochenende im Gemeindehaus der Martinskirche statt. Einige Teilnehmenden fielen coronabedingt aus, aber die übrigen fünf waren Feuer und Flamme am Elektroherd.

„Wir sind ein kleiner Kreis: alle zwar unterschiedlich, aber doch gleich“, erklärt Felix Seifert die gute Laune der Teilnehmenden. Er ist selbst von Geburt an schwerhörig, von Beruf Koch und der Küchenchef an diesem Tag. „Wir haben alle dieselben Probleme aufgrund unserer Behinderung und können nachempfinden, wie sich der andere fühlt. Hier kann jeder immer wieder nachfragen, und man wiederholt es so oft, wie es eben nötig ist.“

Kochen in einer Gruppe macht besonders viel Freude, doch ein regulärer Kochkurs sei für einen Hörgeschädigten nur schwer zu bewältigen, sagt Maren Dettmers: „Schwerhörige haben zu ihrem Schutz einige Tricks drauf. Zum Beispiel denken sie sich, was gemeint sein könnte, wenn sie etwas nicht verstanden haben.“ Und das kann gerade bei der Arbeit in der Küche fatal werden, wenn man etwa eine Mengenangabe falsch versteht und stattdessen errät, wie viele Löffel Salz denn in die Suppe sollen. Hier aber läuft alles glatt. Vorneweg wird frischer Salat serviert. Als Hauptgericht gibt es „Poulet en vessie“ - zu Deutsch: gefüllte Poularde - nach einem Rezept von Starkoch Paul Bocuse. Dazu wird Kartoffelpüree mit Nussbutter und Wurzelgemüse bereitet und abgerundet wird das Ganze mit einer Kokoscrème brulée.

Teilnehmerin Inge Mitzkewitsch ist glücklich. Die 83-Jährige ist auf einem Ohr seit einer schweren Entzündung in ihrer Jugend taub. Jahrzehnte später hatte sie dann einen Unfall und ihr zweites Ohr wurde so schwer verletzt, dass sie seitdem auch mit ihm kaum noch etwas hören kann. Bis dahin war sie sehr aktiv, hat geturnt und ist unter Menschen gegangen, doch mit dem Hörverlust verlor sie auch ihre Zuversicht. Halt fand sie dann durch die Schwerhörigen-Seelsorge und Gleichgesinnte. „Wenn ich etwas nicht verstehe, dann hat die Gruppe dafür Verständnis. Andere sind oft genervt, wenn sie etwas wiederholen müssen. Und dann hat man einfach nicht mehr den Mut, nach draußen zu gehen.“

Kochkurs für Gehörlose:: „Bitte nicht schreien“

Das Problem bei der „Schwerhörigkeit“ ist, dass man sie nicht auf den ersten Blick erkennt wie etwa einen Rollstuhl. Wenn Menschen im Gespräch, an der Kasse oder selbst im Familienkreis die Sätze mehrmals wiederholen müssen, werden sie leicht ungeduldig und oft ungerecht. Sie fangen manchmal an zu schreien und behandeln ihr Gegenüber, als sei es einfältig statt schwerhörig. Dabei sei der Umgang mit Hörgeschädigten ganz einfach, sagt Maren Dettmers: „Bitte nicht schreien, denn man hört ja, dass etwas gesagt wird. Wichtiger wäre, langsam zu sprechen, deut-lich zu ar-ti-ku-lie-ren und Pausen zu machen, denn wenn man etwas nicht versteht, kann man durch Nachdenken die fehlenden Puzzlestücke dazu sortieren. Aber dieser Denkvorgang braucht Zeit. Und bitte keine Babysprache! Schwerhörige sind nicht blöd, sie hören nur schlecht.“

Aber sie kochen fantastisch. Am Ende des Tages genießen alle gemeinsam ihr Werk. Heute wurden sie gesehen und vor allem gehört, auch von denen, denen das Hören eigentlich schwerfällt. (Von May-Britt Winkler)

Informationen für Betroffene oder Angehörige: www.shs-ekhn.de

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