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Ein Hilferuf aus Afghanistan nach Darmstadt

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Der Schriftverkehr mit Abgeordneten und staatlichen Stellen zur Rettung des Afghanen füllt mittlerweile einen ganzen Aktenordner.
Der Schriftverkehr mit Abgeordneten und staatlichen Stellen zur Rettung des Afghanen füllt mittlerweile einen ganzen Aktenordner. © Sebastian Weissgerber

Der ehemalige Kinderarzt Hans-Joachim Landzettel aus Darmstadt will einen afghanischen Schützling, dem er einst das Leben rettete, nun vor den Taliban retten. (Von Sebastian Weissgerber)

Es ist ein verzweifelter wie rührender Hilferuf, der Hans-Joachim Landzettel Anfang des Jahres per Telefon aus Afghanistan erreicht: „Papa, du hast mir doch schon mal das Leben gerettet. Kannst Du es mir noch einmal retten?“ Das erste Mal ist 16 Jahre her. Der Darmstädter Kinderarzt Landzettel war 2006 nach Kabul geflogen, um dort 18 schwerkranke Kinder für eine Behandlung in Deutschland auszuwählen.

Kinderarzt hat krebskranken Afghanen vor 16 Jahren in Darmstadt kuriert

Am letzten Tag seiner Reise, so berichtete Landzettel schon damals der FR, traf er in einem Kinderheim des Vereins für Afghanistanförderung Bonn außerhalb Kabuls auf einen jungen Familienvater, der sich dort ehrenamtlich engagierte. Und dessen Hodenkrebs bereits eigentlich tödliche Metastasen gebildet hatte. „Ich wusste aber, dass in Deutschland gerade ein neues Medikament auf den Markt gekommen war, auf das das Seminom sehr gut anspricht“, erinnert sich der heute 88-Jährige. Und so wählte er den jungen Erwachsenen für den letzten freien Platz im Flugzeug aus. Daheim brachte er seinen Patienten nicht nur einen halbes Jahr bei sich zu Hause unter, er konnte auch die Pharmafirma überreden, die teure und schließlich erfolgreiche Chemotherapie zu spenden.

„Die Taliban wollen ihm jetzt den Kopf abschneiden“

Zurück in Afghanistan übernahm der Gerettete schließlich die Leitung des Kinderheims. „Der Kontakt ist niemals abgebrochen“, erzählt Landzettel. „Er hat mich immer mehrmals im Jahr angerufen und gefragt, wie es mir und meinen Enkelkindern geht.“ Damit könnte die Geschichte eigentlich ein glückliches Ende gefunden haben. Doch der Einsatz für die Waisenkinder bedeutete auch Widerstand gegen die Taliban. „Die kamen in der Nacht und wollten die Mädchen rauben“, schildert Landzettel. „Aber er hat sich mit der Polizei gut gestellt, Sicherheitsleute engagiert und die Kinder beschützt.“

Nach der Machtübernahme der Taliban im vergangenen Jahr musste der Leiter des Kinderheims deshalb untertauchen und sich seitdem mit seiner Familie an wechselnden Orten verstecken. „Die wollen ihm den Kopf abschneiden“, sagt Landzettel. „Der Mann ist in Lebensgefahr.“ Name und Aufenthaltsort des Afghanen und seiner Familie sind der FR bekannt, sollen aber zu seinem Schutz nicht veröffentlicht werden.

Kinderarzt bat Politik und staatliche Stellen erfolglos um Hilfe für Afghanen

Seit Januar versucht Landzettel nun seinen Patienten nach Deutschland zu holen. „Der hat in etwas kindlicher Naivität gedacht, ich könnte mit dem Auto nach Pakistan fahren und ihn dort abholen“, berichtet Landzettel. Das Ergebnis seiner Bemühungen ist jedoch nicht mehr als ein dicker Aktenordner voller Briefe an politische Funktionsträger und staatliche Stellen sowie ihren abschlägigen Antworten. Zu den Angeschriebenen zählen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Innenministerin Nancy Faeser (SPD) und der SPD-Bundestagsabgeordnete Andreas Larem sowie die ehemalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD). Wirklich tätig wurde jedoch nur Larem, der sich erfolglos an das Auswärtige Amt wandte, das an das Bundesministerium des Inneren verwies.

Hans-Joachim Landzettel hat schon das Bett für seine afghanischen Gäste schon gemacht.
Hans-Joachim Landzettel hat schon das Bett für seine afghanischen Gäste schon gemacht. © Sebastian Weissgerber

Von dort hieß es auf FR-Anfrage, dass für Personen, die es nicht auf die Listen der Ortskräfte oder der besonders gefährdeten Personen geschafft hätten, derzeit allein eine Aufnahme zur Wahrung politischer Interessen der Bundesrepublik Deutschland möglich sei. Dies käme jedoch nur in „besonders herausgehobenen Einzelfällen in Betracht“ und müsse wiederum durch einen „entsprechend gut begründeten Vorschlag durch das Auswärtige Amt an das Bundesministerium des Innern herangetragen“ werden. Wörtlich: „Ein solcher ist bisher jedoch noch nicht bei uns eingegangen.“

Zur Aufnahme der Afghanen Umzug aus dem Altersheim ins ehemalige Wohnhaus

Immerhin ein Treffen im Büro des Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) hat Landzettel Hoffnung gemacht. „Die Stadt Darmstadt hat sich bereiterklärt, die Familie aufzunehmen“, berichtet Landzettel. Der grüne Bundestagsabgeordnete Philip Krämer, der bei dem Treffen ebenfalls anwesend war, lässt der FR ausrichten, einer Aufnahme stünde allein „der Umgang des Bundes mit gefährdeten Personengruppen“ entgegen. Auch wenn derzeit von der Bundesregierung keine Rückholungen geplant seien, habe das Auswärtige Amt jedoch ein humanitäres Aufnahmeprogramm in Aussicht gestellt. „Es ist vollkommen offen, wann ein solches Programm für gefährdete Personen in Afghanistan zur Anwendung kommt“, teilt Krämers Büro mit. „Dass ein solches kommt, ist jedoch der uns bekannte politische Wille.“

Landzettel sagt, er würde für alle Kosten und den Unterhalt der Familie aus seinem privaten Vermögen aufkommen. Sie solle außerdem in seinem Wohnhaus unterkommen. Dort ist er deshalb aus dem Altersheim, in dem er nach dem Tod seiner Ehefrau Inge bereits vier Jahre gewohnt hat, bereits wieder zurückgezogen. „In dem großen Haus kann ich sie ja nicht alleine wohnen lassen.“

Der ehemalige Kinderarzt zeigt das Bundesverdienstkreuz, das er für seinen Einsatz für Kinder in Afghanistan bekommen hat.
Der ehemalige Kinderarzt zeigt das Bundesverdienstkreuz, das er für seinen Einsatz für Kinder in Afghanistan bekommen hat. © Sebastian Weissgerber

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