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Ein Haus der Superlative in Darmstadt wird 50

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Von: Annette Schlegl

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Eine Jury entschied sich 1964 für das Architekturmodell von Rolf Prange.
Eine Jury entschied sich 1964 für das Architekturmodell von Rolf Prange. © Archiv Staatstheater

Das Staatstheater Darmstadt feiert mit einer großen Festwoche 50-jähriges Bestehen. Das Haus war einst teuerster und größter Theaterbau Deutschlands.

Rolf Prange muss ein sehr weitsichtiger Mann gewesen sein. Wie sonst lässt es sich erklären, dass der Darmstädter in den 60er Jahren ein Gebäude konstruiert hat, das heute noch seinesgleichen sucht? Am heutigen Tag ist es genau 50 Jahre her, dass der Architekt die Schlüssel für das Staatstheater Darmstadt der Stadt und ihren Bürgern und Bürgerinnen übergeben hat. Das Theater feiert das 50-jährige Bestehen mit einer großen Festwoche, die heute beginnt.

1000 Räume und 550 Beschäftigte unter dem Theaterdach in Darmstadt

Männer mit Gummihammern an der Fassade des Theaterbaus. Nein, kein Anschlag, sondern eine Überprüfung, ob denn die Carraramarmorplatten an den Wänden noch halten. Die sind nämlich so alt wie das Theater, der Zahn der Zeit nagt an ihnen. Poröser und rissiger Marmor wird sukzessive durch Messingplatten ersetzt, die erst golden sind und mit der Zeit bräunlich werden. „Daran sieht man, dass sich das Haus verändert“, sagt Intendant Karsten Wiegand.

Der Baubeginn im Jahr 1966. Mehr als sechs Jahre dauerte es, bis das Staatstheater Darmstadt fertiggestellt war.
Der Baubeginn im Jahr 1966. Mehr als sechs Jahre dauerte es, bis das Staatstheater Darmstadt fertiggestellt war. © Archiv Staatstheater

Dennoch ist das Gebäude, das Architekt Prange als Sieger in einem Architektenwettbewerb verwirklicht hat, immer noch auf der Höhe der Zeit. Und es kann mit Superlativen aufwarten, die auch heute noch ihresgleichen suchen: rund 1000 Räume, 50 000 Quadratmeter Fläche, 17 Treppenhäuser, Aufzüge, die fast acht Meter hoch sind, 550 Beschäftigte unter einem Dach.

Staatstheater Darmstadt beherbergt auch viele Werkstätten und Gewerke

1966 begonnen, hat es sechs Jahre gedauert, bis das Staatstheater endlich fertig war. Die Probleme waren damals so aktuell wie heute: Der Bau wurde immer teurer. 74 Millionen D-Mark hat er letztendlich gekostet, sei damals „der teuerste und größte Theaterneubau der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg“ gewesen, so Intendant Wiegand. Und schießt gleich noch einen Superlativ hinterher: „Die Bühne vom Großen Haus ist mit 700 Quadratmetern eine der größten Theaterbühnen in Deutschland.“ Die Idee von Prange und seinem Team sei es gewesen, alles unter einem Dach unterzubringen, sagt Wiegand. Alles heißt: nicht nur Bühnen, Dramaturgie, Maske, Requisite, Kasse und Haustechnik, sondern auch Schreinerei, Schlosserei, Malersaal, Schneiderei, Kulissenlager, Probebühnen und -räume.

So sieht der Komplex des Staatstheaters Darmstadt heute aus.
So sieht der Komplex des Staatstheaters Darmstadt heute aus. © High Vision Media

Der Architekt erntete für diese Besonderheit wenig Lob, umso mehr aber Empörung und Stirnrunzeln. „Theatermonstrum“, „Mammutwerk“, „gewaltiger Betonklotz“ hieß es in den Medien und der Bevölkerung, als das Theater 1972 fertig war. Kritik setzte es sogar für die hohen Rückenlehnen im Zuschauerraum des Großen Hauses: „Im Rang sitzen die Damen nicht gern, weil es ihnen die Frisur zerdrückt. Da hat wohl ein ahnungsloser Mann die Stühle ausgesucht“, schrieb eine Zeitung.

Die Festwoche

Während der Festwoche vom 1. bis 9. Oktober ist das gesamte Vorderhaus des Staatstheaters Darmstadt im Sinne eines „foyer public“ für die Bevölkerung zugänglich. Vom 4. bis 7. Oktober präsentieren dort auch Darmstädter Bürger:innen ihre Projekte.

In einem Festakt wird am 6. Oktober um 19 Uhr im Großen Haus der Eröffnung des Gebäudes gedacht.

Beim Tag der offenen Tür am 2. Oktober von 11 bis 18 Uhr können sonst unzugängliche Werkstätten im Theater erkundet werden. Musiktheater, Hessisches Staatsballett und das Schauspielensemble geben Einblicke in ihre aktuellen Produktionen.

Schauspiel- und Musiktheater-Premieren – unter anderem eine Neuinszenierung von „Don Giovanni“ am 9. Oktober – säumen die Festwoche.

Das gesamte Programm ist unter staatstheater-darmstadt.de/spielplan/festwoche/ abrufbar. ann

„All diese Räume sind in vielen anderen Theatern über verschiedene Orte in der Stadt verteilt“, so der Intendant. Nicht so in Darmstadt. Hier laufen sich Menschen aus sämtlichen Abteilungen in den Stockwerken und Gängen über den Weg, begegnen sich in der Kantine, kommunizieren, schauen sich Proben an.

Anfang der 2000er-Jahre Grundinstandsetzung des Staatstheaters Darmstadt

Von 2002 bis 2006 sanierte der Architekt Arno Lederer aus Stuttgart den schmucklosen Funktionsbau grundlegend, gab ihm ein Gesicht, baute die Foyers um, veränderte die Betonoptik des Georg-Büchner-Platzes als Theatervorplatz und sorgte für Barrierefreiheit. Kosten: erneut 70 Millionen – diesmal aber Euro. Viel Geld, aber in Relation zu einem Jahresbudget von 40 Millionen Euro dann doch eher wenig.

In der Festwoche kommt Mozarts „Don Giovanni“ als Neuinszenierung zur Aufführung.
In der Festwoche kommt Mozarts „Don Giovanni“ als Neuinszenierung zur Aufführung. © Robert Schittko

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