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Ehre für eine moralische Instanz

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Moritz Neumann (links) während der Ehrung.
Moritz Neumann (links) während der Ehrung. © Andr Hirtz

Moritz Neumann erhält die Silberne Verdienstplakette.

Der werdende Vater Hans Neumann bekam 1948 einen Brief seiner Schwester. „In Deutschland“, schrieb Annemie, „wird es keine jüdischen Kinder mehr geben. Das kann niemand seiner ermordeten Familie antun, dass er in diesem Land wieder Kinder in die Welt setzt.“ Kurz darauf kam Moritz in Fulda zur Welt. Ein jüdisches Kind mitten in Deutschland.

Diese Szene auf den letzten drei Seiten des Buches, das Jahrzehnte später Moritz über seinen Vater verfasst hatte, stellte Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) an den Anfang seiner Laudatio. Ein Auftakt für eine besondere Veranstaltung: Moritz Isidor Neumann (66), der Geehrte, fand die Rede dann auch „sehr schön. Ich könnt‘ stundenlang weiter zuhören“.

Seit 45 Jahren in Darmstadt

Seine Tochter habe die briefliche Einladung zur Veranstaltung geöffnet und spontan herausgelassen: „Was – noch ‘ne Ehrung?“ Tatsächlich ist die Silberne Verdienstplakette der Stadt – immerhin deren höchste Auszeichnung – Teil einer langen Reihe von Ehrungen für Neumann, wozu auch die Verleihung des „Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“ zählt (2006).

Ein Leben als Jude in Deutschland. Das ist, gerade in der Generation der kurz nach 1945 Geborenen, ein steter, kräftezehrender Balanceakt zwischen Vergangenheit verkraften, Erinnerung bewahren und Zukunft bewältigen. In den vergangenen Jahrzehnten habe sich Neumann, so Partsch, als „streitbarer Demokrat und moralische Instanz“ profiliert, die Streitfähigkeit und -lustigkeit aber immer eingebettet in ein „entschiedenes Auftreten gegen Antisemitismus und Rassismus, für Verständigung, Toleranz und ein freiheitliches, solidarisches Miteinander“.

Zusammengefasst: „Wir Darmstädter sind froh, einen wie Moritz Neumann in unserer Mitte zu haben.“ Der Journalist und Autor Neumann habe seine eigentliche Lebensaufgabe dann – seit 1991 – als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Darmstadts gefunden, deren „Kopf, Herz und Seele“ er sei, so Partsch.

1980 bereits wurde Neumann zum Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen berufen, 1994 dort zum Vorsitzenden gewählt. Seit 1994 ist er zudem Mitglied im Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland und seit 2000 Mitglied des European Jewish Congress.

Mit der Einweihung der neuen Synagoge in der Wilhelm-Glässing-Straße 1988 – exakt 50 Jahre nach der Zerstörung der drei Darmstädter Synagogen in der Pogromnacht vom 9. November 1938 – änderte sich das jüdische Gemeindeleben erheblich. Mit der Organisation von Bildungsangeboten, Konzerten, Vorträgen und Ausstellungen, die in der Synagoge ihren Platz fanden, machte sich Neumann schnell einen Namen.

Seit 45 Jahren lebt Neumann nun in Darmstadt. Wie seine drei Kinder und seine Enkel. Und die Stadt, die habe ihm von Beginn an „gut gefallen. Aber kein Wunder – ich kam aus Offenbach“. (phg)

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