Vogelgrippe

Im Dunstkreis des Seuchenpfuhls

  • Claudia Kabel
    vonClaudia Kabel
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Im Kreis Darmstadt-Dieburg fürchtet mancher Geflügelbetrieb wegen der Vogelgrippe um seine Existenz. Besuch beim größten betroffenen Eierproduzenten.

Axel Strauß und seine Mitarbeiter betreten die Stallungen des Geflügelhofs derzeit nur noch einmal am Tag. Wegen der Vogelgrippe, die wenige Kilometer entfernt im Naturschutzgebiet Reinheimer Teich ausgebrochen ist, wird der Kontakt zur Außenwelt so gering wie möglich gehalten. Zudem müssen massive Hygienevorschriften eingehalten werden: „Wir fahren mit unseren Fahrzeugen nicht mehr bis auf das Betriebsgelände, sondern halten vor dem Zaun“, sagt Strauß. „Dahinter steht ein Desinfektionswanne, und vor dem Betreten einer Halle müssen Kleidung und Schuhe gewechselt werden.“ Sein Geflügelhof ist mit 50 000 Legehennen in Bodenhaltung der größte im jetzt ausgewiesenen Restriktionsgebiet im Landkreis Darmstadt-Dieburg.

Zwar hatte schon seit November eine Aufstallungspflicht für Geflügelbetriebe bestanden, doch nun hat sich die Lage noch einmal verschärft. Am vergangenen Mittwoch verkündete das hessische Umweltministerium, dass bei 14 Wildvögeln in fünf verschiedenen Landkreisen das Vogelgrippevirus gefunden worden sei. Allein neun von ihnen – sieben Wildgänse und zwei Mäusebussarde – im Naturschutzgebiet Reinheimer Teich. Dort waren insgesamt 20 verendete Wildvögel gefunden worden. Weitere Laboruntersuchungen werden derzeit noch abgewartet, teilte der Landkreis Darmstadt-Dieburg am Donnerstag mit. Dieser reagierte sofort mit der Einrichtung zweier Restriktionszonen, eines Sperrbezirks in einem Radius von einem Kilometer um das Naturschutzgebiet und eines darum liegenden Beobachtungsgebiets mit einem Radius von drei Kilometern. In der Beobachtungszone befinden sich die Hühnerhallen von Strauß. Den malerischen Hofladen betreibt die Familie einen Kilometer entfernt im Reinheimer Ortsteil Georgenhausen. Von dort liefert sie ihre Eier in Supermärkte, Metzgereien und Hofläden bis nach Frankfurt, Wiesbaden, Ludwigshafen und Aschaffenburg.

Vor zehn Tagen sei Strauß vom Veterinäramt telefonisch informiert worden, dass es wahrscheinlich positive Vogelgrippefälle in der Nachbarschaft bei Wildtieren gebe, sagt der 42-jährige Landwirt. Die Vogelgrippe ist anzeigepflichtig.

Bei seinen täglichen Routinegängen in die Stallungen gilt es für Strauß, jeweils 15 000 Tiere pro Halle unter Augenschein zu nehmen, die automatisierte Fütterungsanlage zu inspizieren und falsch aufgefangene Eier einzusammeln. Dass dabei auch fünf bis sechs tote Hühner am Tag gefunden werden, sei normal und kein Grund zur Besorgnis. Kannibalismus oder harmlosere Erkrankungen seien meist die Ursache. Erst ab einer erhöhten Todesrate von zwei Prozent der Tiere müsse er das Veterinäramt verständigen.

Der Landkreis Darmstadt-Dieburg zählt zu den geflügeldichtesten Regionen in Hessen. Allein im Sperrbezirk gibt es laut Kreis einen Geflügelbestand mit etwa 1200 Legehennen, im Beobachtungsgebiet befinden sich 35 Geflügelhaltungen mit insgesamt 95 000 Geflügeltieren, darunter sechs gewerbsmäßige Haltungen, drei davon mit jeweils über 10 000 Tieren. Daher hätte eine Verschleppung des Virus in Hausgeflügelbestände hier besonders fatale Folgen. „Unabhängig, wo ein Fall von Geflügelpest festgestellt wird, ist die Tötung aller in dem Bestand gehaltenen Vögel anzuordnen“, sagt Kreispressesprecherin Annika Schmid. Die Tötung weiterer Bestände könne aufgrund räumlicher Nähe zum Ausbruchsbestand und bei nachgewiesenen Kontakten zu anderen Beständen auch vor Feststellung von Symptomen angeordnet werden.

Geflügelwirt Strauß hat deshalb schon schlaflose Nächte. Denn eine Keulung aller seiner Legehennen könnte für den seit 1926 bestehenden Familienbetrieb den Ruin bedeuten. Zwar zahle die Tierseuchenkasse in so einem Fall die Reinigung, Desinfektion und den Wert der Tiere zum Zeitpunkt der Tötung. Dieser liege jedoch deutlich unter dem Anschaffungspreis von sieben Euro pro Huhn. Zudem dauere es 15 Wochen, bis er wieder Eier liefern könne, und bis dahin würde er seine Kundschaft verlieren, fürchtet Strauß. Seine vor zehn Jahren ausgegliederten Stallungen für 3,5 Millionen Euro hätten sich zudem noch nicht amortisiert.

Alle Geflügelbestände in den Restriktionszonen sollen in den nächsten Tagen durch das Veterinäramt inspiziert werden. Bei den Kontrollen werden die Tiere klinisch untersucht. Hierbei gehe es vor allem um den Gesundheitseindruck der Gesamtherde, teilte Schmid mit. Daneben werde auf typische Symptome wie Nasenausfluss und Durchfall auch bei einzelnen Tieren geachtet. Außerdem würden der gleichbleibende Wasser- und Futterverbrauch, die Legeleistung sowie die Einhaltung der Biosicherheitsmaßnahmen überprüft.

Mit anderen Geflügelhaltern steht Strauß in Kontakt. „Es gibt keine Panik“, sagt er. „Die Vogelgrippe gibt es schon immer.“

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