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Draußen Regen, drinnen Schweiß

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14 Bands – hier die Gruppe Mama Limón – sorgten trotz schlechten Wetters für Stimmung.
14 Bands – hier die Gruppe Mama Limón – sorgten trotz schlechten Wetters für Stimmung. © Claus Völker

14 Bands in 14 Kneipen: Das Bessunger Frühlingserwachen begegnet der Kälte mit Feierstimmung.

Gegen 21.30 Uhr geht in der Linie 3 im Publikum die erste feierfreudige Hand hoch, die eine Bierflasche hält. „Always take the weather with you“, trällern die drei Männer von Ixtrio den 90er-Jahre-Hit von Crowded House – und schon rein textlich passt das perfekt zum Geschehen: Draußen sorgt ziemlich viel ungemütliches „Weather“ für Unmut, aber drinnen ist es trotzdem ziemlich „crowded“.

Es ist das 17. Bessunger Frühlingserwachen mit 14 Bands in 14 Kneipen und Kulturorten, aber das unter zehn Grad kühle und regnerische Wetter lässt das Ganze eher zum Bessunger Herbsterwachen werden. Wo sonst Menschentrauben vor Lokalen stehen, aus denen Live-Musik dringt, und Besucher durch die Straßen des pittoresken Stadtteils ziehen, tröpfelt es allenthalben.

Auch drinnen wird der Bodenbelag immer nasser. Aber Matthias Mekschrat lässt sich nicht die Petersilie verhageln. Im Gegenteil: Der Veranstalter des Quartierfestivals kann der Witterung sogar etwas Positives abgewinnen. „Ich mache das Festival für die Musiker, und für die ist das gut“, sagt der 57 Jahre alte Darmstädter, der in der Linie 3 mit seiner Band Holla die Waldfee spielen wird. Sonst stünden zwar draußen die Massen rum, aber die Bands schauten die sich größtenteils gar nicht an.

120 Bands bewerben sich

Und dabei gibt’s da einiges zu sehen, vor allem recht Unterschiedliches. Das Männertrio in der Linie 3 zum Beispiel macht eher so was wie Live-Karaoke: Die zwei Sänger stehen und singen vor einem Elektronikboard, von dem sie wie bei einem Teleprompter den Text ablesen. Daneben spielt ein Mann Akustikgitarre, die jedoch teils auch vom Band kommt – genau wie der Rest der Musik.

Ganz im Gegensatz dazu setzt man ein paar Meter weiter im Pictor Domus auf handgemachten Bluesrock. Balu nennt sich das Altherrenquartett, das mit tönendem Marshall-Verstärker und treibendem Schlagzeug die Rockhits seiner Jugend zum Besten gibt. Bis zu 120 Bands aus Darmstadt und Umgebung bieten sich laut Organisator Mekschrat an. „Aber am Ende entscheidet der Wirt.“ Die Gastronomen zahlten für die Musiker und hofften dafür auf mehr Einnahmen. „Die haben Interesse an Bands, die Umsatz bringen.“ Deswegen gebe es einen gewissen Trend, Erfolgversprechendes wieder zu buchen. „Aber es sind auch immer wieder neue dabei, Gott sei Dank.“

Auf Bewährtes setzen die Macher des Jazzinstituts, wo sich Besuchern nach dem steilen Abstieg in den Gewölbekeller wieder ein ganz anderes Bild bietet: Bedächtig und weitgehend reglos sitzt das Publikum auf Stuhlreihen vor der Bühne, wo Outline 13 einen schrägen Jazz zelebrieren. Während die Musiker um Kontrabassist Jürgen Wuchner vor allem bei ihren Soli recht impulsiv ans Werk gehen, spendet das Publikum mehr automatisiert Zwischenapplaus. Von der Atmosphäre her erinnert das eher an einen Volkshochschulkurs.

Inzwischen hat in der Bessunger Knabenschule die Stimmung bereits ihren Siedepunkt erreicht. Die Menge im rappelvollen Saal wogt ausgelassen zum sonnigen Latin Groove der Multigruppe Mama Limón. Die Sängerin im Sommerkleid ruft zum Mitfeiern auf, bräuchte sie aber gar nicht mehr. An der Decke tanzt buntes Partylicht, unten schwingt das Publikum die Hüften, es riecht nach Schweiß und Caipirinha. Auch hier herrscht kein Frühlingserwachen – vielmehr lodert Sommerhitze.

Nur draußen bleibt es unterkühlt. Ein paar Hartgesottene finden sich vor dem Imbiss im Hof ein und wärmen sich mit Obstbränden. Andere Wirte bieten Flammkuchen oder heiße Wurst gegen die Kälte. Pavillonzelte und Sonnenschirme übernehmen indes die Funktion als Regenschutz. Eben Frühlingspause beim Frühlingserwachen. (aw.)

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