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Doppelmord von Babenhausen: Verurteilter soll Kosten für weiteres Opfer zahlen

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Von: Claudia Kabel

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Anja D. glaubt fest an die Unschuld ihres Mannes Andreas D.
Anja D. glaubt fest an die Unschuld ihres Mannes Andreas D. © privat

Am Mittwoch beginnt ein Zivilprozess gegen Andreas D. aus Babenhausen. Das Land Hessen fordert die Unterbringungskosten für ein Opfer.

Darmstadt/Babenhausen – Seit fast zwölf Jahren sitzt Andreas D. im Gefängnis. Verurteilt vom Landgericht (LG) Darmstadt zu lebenslanger Haft wegen zweifachen Mordes an seinen Nachbarn, dem Ehepaar T. aus Babenhausen (Kreis Darmstadt-Dieburg). Der dreifache Familienvater soll die T.s erschossen und auch deren Tochter versucht haben zu töten – weil sie angeblich zu laut waren und er im angrenzenden Reihenhaus keine Ruhe hatte.

All die Jahre hat seine Frau Anja D., haben Freunde und Bekannte und sein Rechtsanwalt Gerhard Strate nicht aufgehört, an D.s Unschuld zu glauben. Noch heute ist der Doppelmord ein Thema in Babenhausen (Landkreis Darmstadt-Dieburg) und hat auch bundesweit viel Aufmerksamkeit erhalten.

Doppelmord von Babenhausen: Kein Wiederaufnahmeverfahren am Landgericht Kassel

Aber alle Versuche D.s Schuld vor Gericht zu widerlegen, scheiterten. Die Revision zum Bundesgerichtshof genauso wie eine Petition an den Landtag. Auch ein Wiederaufnahmeverfahren wurde vom LG Kassel abgelehnt und das OLG Frankfurt verwarf die Beschwerde dagegen.

Letztlich entschied das Bundesverfassungsgericht 2020, dass es dazu keine Verfassungsbeschwerde annimmt und damit „der Beschluss unanfechtbar ist“.

Land Hessen klagt in Darmstadt gegen verurteilten Doppelmörder

Doch nun kommt Bewegung in die Sache. Das Land Hessen klagt jetzt gegen Andreas D. auf Schadensersatz für die Kosten der Unterbringung der Tochter. Der Zivilprozess beginnt an diesem Mittwoch vor dem LG Darmstadt.

Die damals 37-jährige Tochter, die laut Gerichtsakte seit ihrer Geburt an einer Form von Autismus leidet, hatte die Tat am 17. April 2009 schwer traumatisiert überlebt. Sie soll die einzige Augenzeugin sein. Allerdings sprach sie immer von „zwei Männern“, die sie in der Tatnacht gehört habe, und die sie gesehen haben will, als sie davon liefen. Ihre Aussage spielte allerdings vor Gericht nie eine Rolle, da ein Gutachter sie aufgrund ihrer Behinderung und ihrer Traumatisierung für unzurechnungsfähig erklärte.

Doppelmord von Babenhausen: Zivilverfahren beginnt in Darmstadt

Ihr direktes Betreuungsumfeld in der Einrichtung, in der sie lebt, soll angeblich anderer Ansicht sein. Sie könne „ganz normal sprechen“, sie sei „fit“, heißt es in einem Podcast, den die Münchner Journalistinnen Leonie Bartsch und Linn Schütze veröffentlicht haben. Darin sind sie zahlreichen Spuren und Hinweisen aus den Ermittlungsakten nachgegangen. Demnach soll auch die Psychologin, die die Tochter im Zeugenschutzprogramm betreute, befürworten, dass die Tochter von der Tat erzähle.

Doch ob es dazu kommt, dass sie gehört wird, ob überhaupt irgendwelche Beweise noch einmal geprüft werden, ist derzeit völlig offen. Denn das Zivilverfahren um die Ansprüche des Landes ist unabhängig von einem Strafverfahren. Bislang sind auch keine Zeugen geladen, selbst der Beklagte soll nicht am Prozess teilnehmen.

Doppelmörder soll mit Schalldämpfer aus Pet-Flasche geschossen haben

Allerdings „hat in einem Zivilprozess die klagende Partei grundsätzlich alle anspruchsbegründenden Tatsachen darzulegen und – soweit sie streitig sind – zu beweisen“, teilte Landgerichtssprecher Jan Helmrich der Frankfurter Rundschau mit. Das bedeutet, dass es dazu kommen könnte, dass Sachverständige oder Zeug:innen gehört werden. Denn streitig sind zahlreiche Punkte.

Nicht nur das Tatmotiv der Ruhestörung, sondern zum Beispiel auch, dass D. mit einem aus einer Pet-Flasche selbst gebauten Schalldämpfer geschossen haben soll, was nicht funktionieren kann, wie spätere Gutachten zeigten. Darauf baut auch der Hamburger Rechtsanwalt Strate. Es gebe „verschiedene neue Wiederaufnahmegründe“, sagte er der FR. Diese wolle er nun einbringen. Details nannte er nicht.

Rechtsanwalt Gerhard Strate im Gespräch mit Anja D.
Rechtsanwalt Gerhard Strate im Gespräch mit Anja D. © privat

Babenhausen: Wiederaufnahme des Mordprozesses scheiterte 2019

2019 war die Wiederaufnahme gescheitert, weil es laut Gericht keine neuen Tatsachen oder Beweismittel gegeben hatte. „Nun könnte es aber sein, dass die Zivilrichter zu einem anderen Schluss kommen“, so Strate. In diesem Fall könnte man einen neuen Antrag im Strafverfahren stellen.

Für Ehefrau Anja D. ist es „die große Hoffnung, dass alles nochmal angeschaut wird“, wie sie der FR sagte. Es sei „eine gute Chance“, aber sie habe auch Angst, da sie schon so viel Negatives erlebt habe. Ob sie überhaupt als eine der wenigen zugelassenen Zuschauerinnen in den Gerichtssaal kommen wird, weiß sie derzeit nicht.

Mündliche Verhandlung vor dem Landgericht Darmstadt zum Fall des Doppelmordes

Dass das Landgericht jetzt einen relativ großen Aufwand betreibt, zeichnet sich bereits am richterlich angeordneten Akkreditierungsverfahren für Presseleute ab. Derzeit hat die Kammer nur einen Termin zur mündlichen Verhandlung bestimmt. Es lasse sich nicht sagen, ob und wie viele weitere Verhandlungstage folgen, so Gerichtssprecher Helmrich. Auch zu den genauen Ansprüchen und zur Höhe des Streitwerts konnte er keine Angaben machen.

Erst vergangenen November musste sich der Pfungstädter Bürgermeister Patrick Koch (SPD) wegen Geheimnisverrats in dem Fall vor dem Dieburger Amtsgericht verantworten. Er war damals an den Ermittlungen als Kriminalkommissar beteiligt gewesen und hatte jüngst gegenüber Strate geäußert, dass es eine frühzeitige Festlegung auf Andreas D. als Täter gegeben habe. Koch wurde in erster Instanz freigesprochen. (Klaudia Kabel)

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